Dynamisch-Kreatives Schreiben

Dynamisch-Kreatives Schreiben ist ein Neologismus für den Bereich zwischen Kreativem Schreiben und HyperWriting. Es verbindet traditonelles Schreiben mit Selbsterfahrung.

Dynamisch-Kreatives Schreiben ist eine Methode des kreativen Schreibens, die wir in unserer Seminarpraxis am Institut für Angewandte kreativitätspsychologie entwickelt haben. So wie kreatives Schreiben das traditionelle Schreiben der Roman- und Sachbuchautoren um die Dimension der Selbsterfahrung ergänzt (man könnte auch salopp sagen: um den Egotrip der Schreibenden), so ist Dynamisch-Kreatives Schreiben gewissermaßen Kreatives Schreiben plus ThemenZentrierte Interaktion (TZI) plus Persönlichkeitsentwicklung.

Und was ist dann unter HyperWriting zu verstehen? Vereinfacht könnte man sagen, dass Hyperwriting Dynamisches Schreiben speziell für Romanautoren ist. Der Vergleich zeigt die Unterschiede:

Traditionelles Schreiben

Beginnen wir mit dem, was man als Traditionelles Schreiben bezeichnen könnte. Bevor das Kreative Schreiben (Creative Writing) sich entwickelte (s.u.), hatte das Schreiben drei klar von einander getrennte Funktionen:

1. Sachliches Notieren von Elementen,

  • um einer Verwaltung den Überblick zu verschaffen (die Anzahl von Ziegen oder Kühen eines Bauern, der jährlich zu entrichtende Naturaltribut von soundsovielen Säcken Getreide, der Wasserstand des Nils zur Zeit der höchsten Überschwemmung);
  • um Forschern die Dokumentation und Verwertung ihrer Beobachtungen zu erleichtern (Mondphasen, Bewegungen der Planeten, Verlauf der Jahreszeiten);
  • um die Genealogien der herrschenden Familien zu überliefern und wichtige geschichtliche Ereignisse festzuhalten.

Aus diesen Anfängen entwickelten sich später der Sachtext und das Sachbuch, Stadt- und Familienchroniken, Zeittafeln und ähnliche Dokumentationen inbegriffen. Angestrebt wird dabei immer nüchterner Bericht und möglichst neutrale Sachlichkeit, also eine nach wissenschaftlicher Objektivität strebende Darstellung (was ideologische Pamphlete und bewusste Desinformations-Schriften nicht ausschließt).

2. Eine völlig andere Linie gehört die Erzählung an, die zugleich das Reich der Phantasie und Subjektivität feiert: Heldenepen der Antike (die Odyssee, das Gilgamesch-Eposund die Labyrinthiade als herausragende Beipiele), griechische Dramen, die Aventuren der Ritterzeit, Lügengeschichten à la Baron Münchhausen, später der Roman und die kürzeren Erzählformen, in unseren Tagen das Drehbuch und die daraus entwickelten Filme.

3. Abgerundet wird dies durch Formen wie das Tagebuch, der Brief und der Blog im Internet, die man als Selbsterfahrungs-Texte bezeichnen könnte.

Kreatives Schreiben (Creative Writing)

Der Blog ist zugleich eine interessante Mischform, wie die Wissenschafts-Blogs von SciLogs : wissenschaftliche Thematik, die aus persönlicher Sicht vorgetragen wird, samt Kommentaren der Leser. Diese Mischformen lassen sich auch bei allen anderen Textsorten beobachten: etwa bei Sachbüchern mit starken narrativen (erzählerischen) und / oder autobiographischen Elementen. Ernst von Salomon hat sogar dem amtlichen Fragebogen, den jeder des Nazitums verdächtige Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg beantworten musste, einen komplexen Roman gleichen Titels abgewinnen können, der Anfang der 1950-er Jahre ein Riesenerfolg war. Die Essays von Montaigne wiederum werden bis in unsere Tage gerühmt als Kombination von persönlichem, höchst subjektiven Erleben und daraus gewonnenen allgemeingültigen Betrachtungen.
1572-73 schreibt Michel de Montaigne den ersten Band seiner Essais (dt.: „Versuche“) nieder. Veröffentlichung: 1580 in Bordeaux, ergänzt 1586/87 und 1589. 1676 auf den „Index verbotener Bücher“ der katholischen Kirche gesetzt. Seit 1999 in ein hochgelobten Neuübersetzung von Hans Stilett wieder vollständig deutsch zugänglich.
Man kann diese Versuche in ihrer unglaublich modernen Frische (die keine große Rücksichten auf sich selbst und andere nimmt) als Beginn einer Literatur verstehen, die sich wesentlicher Methoden des Creative Writing und des im Institut für angewandte Kreativitätspsychologie (IAK) daraus entwickelten Dynamisch-Kreativen Schreibens bedient – allen voran der autobiographische Zugang. Montaigne begründete mit seinen Essais zugleich die Autobiographik im modernen Sinne.
Montaigne bietet sich als ideale Überleitung zur nächsten Form des Schreibens an, entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts: zum Creative Writing (dt. Kreatives Schreiben).

Das Traditionelle Schreiben kennen wir aber vor allem aus der Schule. Das sah – und sieht leider heute noch – weitgehend folgendermaßen aus:

  • Ständiger Zeitdruck,
  • Überbewertung sachorientierter Texte zum Nachteil von Kreativität und Phantasie,
  • Laufende Bewertung durch Schulnoten,
  • Konkurrenzsituation,
  • Vereinzelung und Isolation als Einzelkämpfer,
  • Abqualifizierung des Spielerischen (in der Schule durch die Lehrer, später u.a. durch überkritische Journalisten und Literaturkritiker),
  • übertriebene literarische Ausrichtung zum Nachteil experimenteller und mehr personenbezogener Ausdrucksformen,
  • und vor allem: Vernachlässigung der persönlichen Themen zu Gunsten von (zum Teil uralten und nicht mehr zeitgemäßen) Fremdthemen.
  • Wenn wir dem Traditionellen Schreiben die folgenden drei Elemente hinzufügen, bekommen wir das, was heute üblicherweise als Creative Writing bezeichnet wird:

  • Die subjektive Erfahrung des Schreibenden wird höher geschätzt als die literarische Qualität des Endprodukts,
  • Gruppensituation (Auflösung der Einsamkeit, Kreativität des gemeinsamen Gruppenprozesses),
  • spielerisches Ausprobieren und Übung des Freien Assoziierens (z.B. mittels Clustering).

Wenn Sie mehr über die Entwicklung des Creative Writing finden wollen, werden Sie fündig auf der parallelen Website von Jürgen vom Scheidt: In der Zeittafel “Schreiben und Schrift” , in der Zeittafel “HyperWriting” und im eigenen ausführlichen Beitrag über HyperWriting.

Dynamisches Schreiben

Das “Schreiben in der Gruppe” wird sofort ergiebiger und besser, wenn man die eigens für die Arbeit mit Gruppen entwickelten Methoden der Themenzentrierten Interaktion (TZI) einsetzt – so wie wir es im IAK machen.

An neuen Werkzeugen, die wir eigens für das Kreativ-Dynamische Schreiben entwickelt haben, wäre vor allem die Vier-Spalten-Methode zu erwähnen. Sie kombiniert in einem parallelen Schreibvorgang das, was beim Schreiben ohnehin stets parallel abläuft, aber beim traditionellen Schreiben und meistens auch beim kreativen Schreiben getrennt geschieht oder sogar negiert wird:

  • dass stets neben dem eigentlichen künstlerisch-literarischen kreativen Prozess (Beispiel: “Ich will einen Roman schreiben”)
  • gleichzeitig persönliche kreative Prozesse beteiligt sind, welche im Extremfall zu Blockaden führen, wenn sie nicht beachtet werden (Beispiel: “Ich habe ganz vergessen, dass heute Abgabetermin für die Steuererklärung ist – was mach ich da bloß!”).

Basierend auf dem Ernstnehmen dieser Parallelität werden beim Dynamischen Schreiben stets gleichwertig nebeneinander beachtet und gefördert:

  • das künstlerische Ziel (Roman, Drehbuch, Kurzgeschichte, Familienchronik, Autobiographie usw.) inklusive dem Endziel des literarischen Erfolgs und der finanziellen Verwertung
  • und die weitere Entfaltung der Persönlichkeit (vor allem in Umbruchphasen) sowie die Entfaltung brachliegender (latenter) Talente .

Dazu kommen noch das Konzept der Inneren Bühne, die Entschleunigung und das Prinzip der Heldenreise, das immer mehr an Bedeutung gewinnt, nicht nur in unserer Arbeit.

Dynamisches Schreiben ist also gewissermaßen Kreatives Schreiben plus.

Und HyperWriting?

Dieser Begriff wurde im IAK zeitweilig vor dem Dynamisch-Kreativen Schreiben verwendet, inzwischen sehen wir jedoch deutliche Unterschiede. Der wichtigste dieser Unterschiede ist der, dass beim HyperWriting nochmals einiges hinzukommt, was beim Kreativen Schreiben in den meisten Fällen ignoriert wird und auch beim Dynamisch-Kreativen Schreiben fehlt oder nicht so wichtig genommen wird – bei bestimmten Formen des Traditionellen Schreibens (s.o.) jedoch überbewertet ist auf Kosten der Persönlichkeitsentwicklung des Schreibenden: nämlich das selbsttherapeutische Potenzial des Schreibens.
Vor allem wird die Tatsache ignoriert (und bei HyperWriting entsprechend hervorgehoben), dass – etwa beim Schreiben eines Romans – nicht nur die Hauptfiur eine Entwicklung in Form der Heldenreise macht – sondern auch der Autor selbst.
Wenn man – wie beim Minotauros-Projekt – in der Gruppe arbeitet, ist sogar noch eine dritte Heldenreise am Werk und sollte dementsprechend genauestens beobachtet und beachtet werden: die gemeinsame Heldenreise der Gruppe der Schreibenden!

Vorbild können bei alledem die herausragenden Beispiele aus der alten wie aus der modernen Literatur sein:

  • Schon Gilgamesch ist – zumindest streckenweise – kein Einzelkämpfer, sondern mit seinem besten Freund Enkidu im Gespann.
  • Geradezu exemplarisch ist Odysseus mit seinen Gefährten, die mit ihm durch Dick und Dünn gehen und ohne die seine Irrfahrten zum Scheitern verurteilt wären.
  • Der erste Teil der Film-Trilogie um den Herr der Ringe trägt exemplarisch den Titel Die Gefährten. (Zu diesen Gefährten des Hobbit Frodo Beutlin gehören sein Kumpel Sam, die Helden der Elfenwelt wie Elb Legolas und die Heilerin Arwen, der grimmige Zwerg Gimli, der weise Zauberer Gandalf, der Ritter und künftige König Aragorn und sogar der bösartige Gollum, der streckenweise zum Helfer wider Willen wird).
  • Und was wäre Zauberlehrling Harry Potterohne seine Begleiter Ron und Hermione, den weisen Professor Dumbledore und den Halbriesen Rubeus Hagrid und und und?
  • Der Super-Blockbuster und bislnag erfolgreichste Film aller Zeiten, Avatar, wäre kaum keiner geworden, wenn es nicht neben dem und gleichberechtigt zum Haupthelden Jake Sully noch die Eingeborenen-Amazone Neytiri, die menschliche Wissenschaftlerin Dr. Grace Augustin, die mutige Kampfpilotin und etliche andere Begleiter seiner Heldenreise zur Rettung der Bewohner dieses fernen Planeten Pandora gäbe – mit denen ein breites Spektrum von männlichen und weiblichen, jungen und alten Zuschauern sich identifizieren kann.
    Hyperwriting beachtet diesen dreifachen Aspekt der Heldenreise und noch manches anderes mehr – wozu vor allem gehört, dass zwar Professionalität (insbesondere beim Romanschreiben) angestrebt wird – aber niemals auf Kosten der Persönlichkeitsentfaltung der Schreibenden.

Hyperwriting, so könnte man vereinfacht sagen, ist Dynamisches Schreiben speziell für angehende Romanautoren, aber in einer modernen Form. Falls Sie Interesse haben, Dynamisch-Kreatives Schreiben selbst auszuprobieren, besuchen Sie doch eines unserer Seminare am IAK.

Quellen:

  • Montaigne, Michel de: Essais. (1589) Neu übersetzt von Hans Stilett – Frankfurt am Main 1998 (Eichborn).
  • Salomon, Ernst von: Der Fragebogen. (Hamburg 1951). Hamburg 1958-05/223.-227. Tsd. (Rowohlt).
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