Round Robin

Round Robin ist eine Technik des kreativen Schreibens, bei der mehrere Autoren nacheinander an einem gemeinsamen Text schreiben.

Auf diese Weise sind schon eine ganze Reihe Romane “in Fortsetzung” entstanden. Keine Fortsetzungs-Romane im üblichen Sinne – sondern mehr so etwas wie literarische Staffel-Läufe. Aber die Methode des Round Robin läßt sich, in Schreib-Seminaren, noch ganz anders einsetzen.

Der Begriff Round Robin

Der Begriff Round Robin stammt ursprünglich aus dem politischen Bereich. Er diente ursprünglich dem Schutz von (mehreren gemeinsamen) Autoren politisch brisanter Schriften. Damit die Behörden nicht so leicht einen einzigen Hauptverantwortlichen dingfest und haftbar machen konnten, unterschrieben alle Beteiligten in Form eines Kreises (round). Die Historie des Beiwortes Robin ist nicht sicher geklärt.

“Roman der Zwölf”

1908 machten sich, angeregt durch den Verleger Konrad W. Mecklenburg, zwölf deutsche Schriftsteller einen Jux daraus, gemeinsam einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Einer begann, übergab sein Kapitel an einen Kollegen und der an den nächsten. Bis der Gesamtverantwortliche (eine Art “literarischer Manager”) das Konvolut redigierte, korrigierte und druckfertig machte.

Man nennt dieses Verfahren in den USA (wo es viel häufiger als in Europa üblich ist, daß Autoren gemeinsam Bücher schreiben), wie oben erwähnt, Round Robin.

Die deutsche Premiere wurde unter dem geheimnisvollen Titel Der Roman der Zwölf 1909 veröffentlicht. Der literarische Manager war Hanns Heinz Ewers, die übrigen elf Autoren und Autorinnen (immerhin zwei Frauen machten mit) waren, in der Reihenfolge ihres Kapitels:
Felix Hollaender, Ernst von Wolzogen, Hermann Bahr, Georg Hirschfeld, Gustav Falke, Otto Ernst, Gabriele Reuter, Herbert Eulenberg, Otto Julius Bierbaum, Olga Wohlbrück und Gustav Meyrinck – alle zu jener Zeit bekannte Publizisten, was dem Unternehmen eine zusätzliche Publizität verschaffte. (1992 machte der Insel-Verlag den Jux als Taschenbuch wieder zugänglich.)

Diese Technik des Co-Writing ist in Creative Writing-Seminaren bekannt und beliebt.

Weitere Beispiele für solche Gemeinschaftsproduktionen . . .

. . . die eigentlich stets nur ein literarischer Jux sind, mit allen Vorzügen und Nachteilen eines solchen:

  • Fortsetzung folgt… (veranstaltet von der TV-Redaktion der Sendung Aspekte – mit Beiträgen von Gregor Tabori, Elfriede Jelinek und anderen – herausgegeben von Manfred Eichel)
  • Eine böse Überraschung (24 Autoren schreiben in der Weihnachtszeit 24 Kapitel – das Ganze wird herausgegeben von Gisbert Haefs)
  • Das Gästehaus (15 Autoren schreiben nach Anregung von Heruasgeber Walter Höllerer im Rahmen des Berliner Literarischen Colloqiums – darunter so bekannte Namen wie Peter Bichsel, Hubert Fichte, Nicolas Born)
  • Die großen Brände (25 russische Autoren schreiben einen Roman – herausgegeben von Fritz Mierau)

Praktische Umsetzung

Unsere eigenen Erfahrungen mit dem Round-robin-Prinzip sind vielfältiger Natur. Heutzutage setzen wir es gerne in Schreib-Seminaren ein, wenn nach einer ernsten Sitzung mit eher schwergewichtigenen Texten ein heiterer Kontrapunkt gefragt ist. Wir verteilen dann gerne die Kärtchen des Sprachspiels Bricklebritt des Münchner Dichter Wilhelm Deinert (oder seinen Vorläufer Tausendzüngler, vom selben Verfasser).

Zunächst ziehen die Teilnehmern – verdeckt – von den vier farbig verschiedenen Kartenstapeln je ein Kärtchen mit einem Substantiv, einem Verb, einem Adjektiv und einer Satzergänzung (Nebensatz). Daraus wird ein Satz gebildet, der den Anfang für einen kleinen Text darstellt. Das liest sich dann unter Umständen so:

“Die liebe Oma / schmipft / trotz des Doktors Verbot / mit scheinheiliger Miene” (was sich leicht ergänzen läßt zu “… im Nachthemd / bei den Kannibalen / im Walfischbauch…”)

Mit diesem (jeweils eigenen) Satz verteilen sich die Teilnehmer in Kleingruppen mit maximal fünf Teilnehmern (vier ist optimal) und schreiben den Anfang einer kleinen Geschichte. Nach fünf Minuten sagt der Leiter “STOP!” – und alle geben ihren Text an den rechten Nachbarn weiter. Dann lesen sie den fremden Text kurz durch und verfassen anschließend eine Fortsetzung. Dabei besteht die (Schreib-)Kunst darin, sowohl den fremden Gedankengang aufzunehmen als auch das eigene Garn weiter zu spinnen. Und das alles mit ziemlichem Zeitdruck: Fünf Minuten höchstens stehen für den eigentlichen Schreibvorgang zur Verfügung.

Noch ein Beispiel eines solchen Lügengarns (Deinert nennt seine Erfindung auch “Lügenmärchen-Legespiel”):

“Mutter Courage / kunstvoll verjüngt / rebelliert / als Geißel der Menschheit / zum Frühlingserwachen / und / tanzt / während / ein Wanderprediger / mit einem Revolver / grübelt…”

Man kann jedoch, siehe oben, auch ganze Bücher auf diese Weise produzieren.

Beispiel

Vor einiger Zeit veranstaltete Jürgen vom Scheidt, Gründer des IAK, ein etwas größeres Round-Robin-Schreib-Event. Es entstand dabei eine “wirklich wilde” Fortsetzungs-Geschichte mit mehr als 50 Autoren und fast 100 Verzweigungen. Das ganze Schreib-Abenteuer lief in mehreren Schritten so ab:

er stellte 1985 an den Anfang knappe zehn Zeilen in der (damals) vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift Probeflug des von ihm gegründeten “Pegasus: Verein für Kreatives Schreiben”:

“Die Tür knarrte, als der alte Mann sie aufzog, langsam, zögernd. Er war müde. Und der Hunger trübte seine Wahrnehmung. Er machte einen Schritt in den düsteren Raum hinein. Dann hörte er die Pendeluhr schlagen, schon bevor er sie sah. Das also ist es, dachte er bei sich, und seine Verwirrung wurde noch größer. Das ist es, wovor sie uns immer gewarnt haben. Aber nun ist es zu spät. Die junge Frau trat aus dem… “

Es gab sieben verschiedene Fortsetzungs-Häppchen (von ähnlicher Länge bzw. Kürze). Alle sieben wurden veröffentlicht.

Im nächsten Schritt konnte, wer immer Lust hatte, zu irgend einer dieser sieben Möglichkeiten seiner-/ihrerseits ein neues Kapitelchen schreiben. Auch diese (insgesamt rund 30 an der Zahl) wurden sämtlich im Probeflug vorgestellt. Und wieder konnte man sich aus diesen – graphisch angeordneten – Möglichkeiten eine einzige (dies war die Bedingung: nur eine) heraussuchen und weiterschreiben. Interessanterweise (und das machte das Experiment so spannend) schrumpfte durch das Überangebot an Möglichkeiten in dieser Phase das Interesse potenzieller Teilnehmer, anstatt zuzunehmen.

Als ich das Experiment endete, gab es, in sieben Schritten, fast 100 Verzweigungen von fast 50 Autorinnen und Autoren. Ein wirklich spannender literarischer Spaß. In gedruckter Form ist die Wiedergabe kaum nicht möglich. Im Internet freilich könnte man so etwas wunderbar als Hypertext-Struktur veranstalten.

Verlagspseudonyme

Verlagspseudonyme versammeln auch anderswo mehrere Autoren unter einem Namen und machen Serien wie Jerry Cotton im Krimi-Bereich ebenfalls zu einer Art Round Robin. Aber für die Science Fiction sind solche Unternehmungen (wie die Serie Perry Rhodan (mit inzwischen mehr als 2200 Fortsetzungen) weit typischer – und für mich ein weiterer Hinweis auf die Nähe von Science Fiction und Creative Writing.

Bibliographie

  • Deinert, Wilhelm; Bricklebritt. Wehrheim 1972 (Verlag für gruppenpädagogische Literatur).
  • ders.: Tausendzüngler. Ebenhausen 1970 (Langewiesche-Brandt).
  • Eichel, Manfred: Fortsetzung folgt… Mainz 1999 (Publikation des Zweiten Deutschen Fernsehens)
  • Estermann, Alfred (Hrsg.): Der Roman der Zwölf. (1909) Frankfurt a.M. 1992 (Insel TB).
  • Haefs, Gisbert u.a.: Eine böse Überraschung. 24 Autoren für 24 Tage. Reinbek 1998 (Rowohlt Thriller).
  • Höllerer, Walter (Hrsg.): Das Gästehaus. Berliner 1965 (Literarisches Colloqium).
  • Mierau, Fritz (Hrsg.): Die großen Brände. (Moskau 1927) Berlin 1997 (Ullstein TB).
  • Scheidt, Jürgen vom (Hrsg.) Die Tür knarrte. In: Probeflug. München Dez 1989 (Pegasus Publikationen).
  • Upton, Munro R.: Das unlöschbare Feuer. Menden 1962 (Bewin)
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