Filme übers Schreiben 1/3: Wunderwelten

Zunächst eine rein rhetorische Frage: Wie viele Filme gibt es eigentlich? Google verweist dazu auf die schlaue Website www.gutefrage.net und laut dieser nennt die IMDB (größte Filmdatenbank der Welt, welche Filme ab 1895 listet) 2.7 Millionen Filme. Da sind natürlich die paar Lichtspiele, die sich mit Schreiben befassen und im Folgenden behandelt werden, vergleichsweise lächerlich wenige. Allerdings sollte man eines nicht vergessen:

Zu Filmen sind Drehbücher nötig (sonst gibt es kein Geld für die Produktion). Und Drehbücher müssen geschrieben werden. Das läuft nicht immer glatt: Auch Drehbuchautoren haben (gelegentlich? häufig?) Schreib-Blockaden. Und ab und zu widmet sich einer dieser hochspezialisierten Autoren genau diesem Thema: „Writer´s Block“ (wie das im Englischen bzw. Amerikanischen heißt). Woody Allen, der gerne den Spaßvogel gibt, hat dies sogar in einem seiner Filme schon mit dem Namen der Hauptfigur transportiert: „Harry Block“ heißt dieser arme Kerl, der sich mit einer massiven Blockade plagt, und zwar in dem herrlich schrägen und saukomischen Film Deconstructing Harry (dt. Harry außer sich).

Sie werden jedenfalls staunen, welche bedeutenden Regisseure und Schauspieler sich diesem Thema gewidmet haben – und insbesondere Drehbuchautoren!

Als ich mit dem Beitrag einigermaßen fertig war und davon beim Abendessen mit Freunden erzählte, kam prompt noch ein Vorschlag, den ich glatt übersehen hatte, obwohl wir den Film einige Monate zuvor im Kino angeschaut hatten: The Wife (Die Frau des Nobelpreisträgers).

Ich stelle die Filme in mehreren thematischen Zusammenhängen vor, die ich als „Kategorie“ bezeichne. Details wie Titel, Erscheinungsjahr, Drehbuchautor, Regisseur, Hauptdarsteller sowie die Zuordnung zu einer Kategorie (zum Beispiel: „Autoren-Schicksal“) habe ich zusammengestellt in einer Tabelle am Schluss von Teil 3 (erscheint Mitte Februar). Diese Tabelle ist alphabetisch nach Filmtiteln geordnet, beginnend mit Adaption. Über den Titel können sie sich Details zum Inhalt und zu weiteren wichtigen Informationen leicht über die Wikipedia holen – dort einfach den Titel in der Suchfunktion eingeben.

Doch beginnen wir mit passenden Zufällen:

Während ich an diesem Artikel für den Newsletter arbeitete, begann genau am ersten Abend im Fernsehen erneut die Serie um den britischen Kriminalkommissar Inspector Barnaby. Gezeigt wurde ausgerechnet jene Episode, welche nach der Pilotepisode „Tod in Badger´s Drift“ die Serie von insgesamt 21 Staffeln eröffnet: Written in Blood (dt. Titel „Blutige Anfänger“). Dazu heißt es in der Wikipedia:
„Für das regelmäßige Schriftsteller-Treffen in Badger’s Drift wird ein aktueller Erfolgsautor eingeladen, gegen den Willen des Vorsitzenden, der ihn hasst. Am selben Abend wird der Vorsitzende ermordet. Wie sich herausstellt, hasste er den Autor deshalb, weil seine eigene Lebensgeschichte ungefragt zur Vorlage des Bestsellers wurde – der Autor war vorher als Psychiater tätig und hat die Geschichten seiner Patienten gnadenlos ausgeschlachtet.“
Es gibt also Tote, wie im Krimi üblich – und natürlich entlarvt Jim Parker, pardon: Inspector Barnaby den Missetäter (Jim Parker heißt der Komponist der Filmmusik).

Ebenfalls zufällig lief am selben Abend gleich nach Barnaby passenderweise der französische Spielfilm Balzac – ein Leben in Leidenschaft. Und einige Tage später fiel beim Recherchieren aus einer Monographie über den berühmten James Joyce die Einlasskarte heraus, die ich vor vielen Jahren (am 18. September 2000) für eine Vorführung des Films Nora – Die leidenschaftliche Liebe von James Joyce gelöst hatte. (Ohne „Leidenschaft“ wäre so ein Film wahrscheinlich weniger interessant für ein breiteres Publikum.)

Wunderwelt des Schreibens

Nicht nur Romane, Drehbücher und Sachbücher müssen geschrieben werden, sondern auch Computer-Programme und Musiknoten. Ersteres wird zum Beispiel behandelt in The Social Network, worin es um Marc Zukerberg und die Entstehung der Social media-Plattform „Facebook“ geht. Für letzteres, das Komponieren, findet man eine schöne Episode in dem wunderbar komplexen Film Cloud Atlas – was zugleich der Titel dieser Partitur ist.

Schon näher am üblichen Verständnis von Schreiben sind die Tagebücher. Hierzu fällt mir spontan Das Tagebuch der Anne Frank ein. Autobiografische Aufzeichnungen spielen auch in anderen Filmen eine zentrale Rolle – obwohl man es gerade dort oft nicht erwarten würde:

In der Romanvorlage zu Legend of Tarzan, der Neuverfilmung der Abenteuer dieses Dschungelhelfden, benützt der Autor Edgar Rice Burroughs ein aufgefundenes Tagebuch des von Gorillas getöteten Vaters, um die Vorgeschichte des im Film erwachsenen Lord Greystoke alias Tarzan zu erzählen: Wie dieser Vater in den afrikanischen Urwald kam. Denselben ebenso einfachen wie ergiebigen Trick verwendet Burroughs ein weiteres Mal in einem Weltraum-Abenteuer, das ebenfalls verfilmt wurde: A Princess from Mars (dt. Die Prinzessin vom Mars). Im März 2012 brachte Disney die Verfilmung mit dem als John Carter – Zwischen zwei Welten in die Kinos.

Und weil wir schon bei der Trivialliteratur und ihren Verfilmungen sind:

Der durch die Ermordung seiner Eltern und seiner Dorfnachbarn traumatisierte Knabe Conan wird in die Sklaverei verschleppt. Er muss viele Jahre in einer Tretmühle schuften, sprengt deren Ketten, wird zum erfolgreichen Kämpfer in der Arena – und wird später sogar Herrscher von Cimmeria. Letzteres verlangt von Conan der Barbar, dass er Lesen und – man staune – Schreiben lernt. Dies war nach Arnold Schwarzeneggers Karriere als Bodybuilder mit den höchsten Ehren eines „Mr. Universum“ sein erster großer Erfolg in einem völlig anderen Medium: als Schauspieler. Dass er dann auch noch in einer erstaunlichen dritten Karriere Gouverneur von Kalifornien wurde, liest sich wie eine Verfilmung seines Lebens als Conan der Barbar: Als Gouverneur eines der größten und wichtigsten Wirtschaftsräume der Erde, Kalifornien, wurde er in der Tat so etwas wie ein König, der, im übertragenen Sinne, „das Lesen und Schreiben“ erfolgreich gemeistert hat.

Auch im riesigen Epos von John Ronald Reuel Tolkien um die Hobbits und den dämonischen Sauron, den Herr der Ringe, spielt ein Tagebuch eine zentrale Rolle. Es hält die beiden action-geladenen Film-Trilogien wie ein Relikt aus einer anderen, geistigen Welt zusammen, verbindet sie zu einem kohärenten Ganzen:
Der Hobbit Bilbo Beutlin wünscht sich gleich zu Beginn von Herr der Ringe, Teil 1, „ein stilles Plätzchen, wo ich mein Buch fertigschreiben kann.“ Man sieht zwar nicht, wie er das verfasst, aber irgendwann verkündet er, was wohl der Traum jedes Autors ist: „Mir ist ein hübscher Schluss für mein Buch eingefallen: Und dann lebte er vergnügt bis ans Ende seiner Tage.“
Den Wunsch nach „einem stillen Plätzchen“ (welcher Autor hätte ihn nicht?) erfüllt er sich in seinem 111. Lebensjahr. Er notiert seine Erlebnisse (die in der Film-Trilogie Der Hobbit dargestellt werden) in einem Tagebuch, das er zu Beginn der folgenden Trilogie Der Herr der Ringe beendet. Er übergibt das Werk seinem Neffen Frodo zusammen mit dem geheimnisvollen Ring. (Dieser Ring macht in Notfällen unsichtbar – aber um den Preis der Stärkung des Einflusses des Erzgegners Sauron). Frodo macht sich mit seinem Freund Samweis und zwei weiteren Hobbit-Gefährten auf, den Ring zu vernichten.
Am Schluss von Teil 3 („Die zwei Türme“) übergibt Frodo das Buch von Bilbo, das er selbst um seine eigenen Abenteuer ergänzt hat, an den Gefährten Samweis. „Du bist fertig“, sagt dieser beeindruckt. Frodo erwidert:
„Die letzten Seiten sind für dich.“
Dann folgt er dem uralten Frodo und dem Zauberer Gandalf auf das letzte Schiff der Elben, das sie in eine andere Welt übersetzt.

 

E-Mails, Lottozahlen und eine Liste, die tausend Leben rettet

Noch weit einfacher als ein Tagebuch ist die Struktur anderer Texte beschaffen. Doch auch sie mussten geschrieben werden:

Die anrührende Liebesgeschichte zwischen einer Buchhändlerin und einem Groß-Buchhändler (die von der Verwandtschaft ihrer Berufe nichts ahnen) spielt sich mit Hilfe von E-Mails ab, welche die beiden austauschen. Es kommt natürlich zur Katastrophe, weil der „Große“ die „Kleine“ rücksichtslos plattmacht. Aber keine Bange: Am Ende geht alles gut aus in E-Mail für dich mit Meg Ryan und Tom Hanks in den Hauptrollen.

Ganz anders, wenngleich nicht minder rücksichtslos, geht George Clooney in der Rolle des Job-Killers Ryan Bingham mit den Empfängern seiner Botschaften um: brutalen Kündigungsschreiben, welche die ganze Geschichte am Laufen halten. Bis es den Killer, welche Freude für die Zuschauer, in Up in the Air am Ende selbst erwischt.

Lottozahlen sind genau dies: Zahlen. Aber auch sie müssen geschrieben werden. Und wenn jemand die „richtigen“ Ziffern erwischt, kann er sogar eine Million gewinnen. Aber was, wenn der Glückliche vor Freude einen Herzschlag erleidet, das total verarmte Dorf um ihn herum dies spitzkriegt und nun alles Erdenkliche versucht, den Gewinn zu realisieren? So verläuft die Handlung in der köstlichen britisch-irischen Komödie Lang lebe Ned Devine. Behaupte noch einmal jemand, dass Schreiben eine „brotlose Kunst“ ist!

Nahezu das Gegenteil ist Schindlers Liste, mit welcher der engagierte und klevere Fabrikant Schindler an die tausend von der Ermordung bedrohten Juden das Leben gerettet hat. Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte – großartig verfilmt von Steven Spielberg.

Wiederum anders sieht das Schriftliche aus in einem Genre, wo man es am allerwenigsten vermuten würde: in dem Western Der Teufelshauptmann. John Wayne erteilt als Captain Nathan Brittle seinen Soldaten zweimal einen Befehl, der sehr fatale Folgen haben könnte. Um seine Untergebenen im Falle eines Kriegsgerichtsverfahrens zu schützen und selbst die Verantwortung zu übernehmen, fasst er beide Befehle schriftlich. Kleine Ursache – im Ernstfall große Wirkung, könnte man sagen, auf jeden Fall eine kraftvolle Bestätigung, dass es äußerst wichtig sein kann, Gedachtes oder Gesagtes (wie einen militärischen Befehl) in schriftliche Form zu gießen. Adolf Hitler wusste, warum er nie einen Befehl zur Ermordung der Juden unterschrieben oder gar selbst verfasst hat!

Um dieses Kapitelchen abzuschließen, noch eine letzte, aber die älteste Variante des Schreibens: die großartigen Höhlenmalereien unserer Vorfahren vor Zehntausenden von Jahren. Was viel später als Buchstaben erst einer Bilderschrift, dann eines immer abstrakter werdenden Alphabets zu unserer modernen Schrift wurde – damals nahm es seinen Anfang. Werner Herzog hat in Die Höhle der vergessenen Träume mit seiner filmischen Expedition in die Lascaux-Höhle dem ein äußerst eindrucksvolles optischen Denkmal gesetzt. (Wenn er nur die grauenvolle Musik, die alles ersäuft, weggelassen oder dezenter gestaltet hätte!)

In einem wenig bekannten Film spielt das Schreiben in vielerlei Form eine ebenfalls sehr hilfreiche Rolle: In Lorenzos Öl kann ein Vater seinem todkranken Kind nur zur lebensrettenden Wirkung besagten „Öls“ verhelfen, weil er gegen alle Widerstände von Ärzten und Wissenschaftlern unaufhörlich und unbeirrbar buchstäblich „anschreibt“. Reden allein wäre da nur „in den Wind gesprochen“, wie man das treffend nennt.

Was uns zu jener Form des professionellen Schreiben bringt, ohne das eine moderne Demokratie undenkbar wäre: Den Journalismus. Das zeigt sehr anschaulich eine Reihe von Filmen wie
°  All the President´s Men (Die Unbestechlichen), worin es um die Aufdeckung das Watergate-Skandals der Nixon-Ära durch mutige Journalisten der Washington Post geht oder
°  Der gefährlichste Mann in Amerika – um den als Landesverräter gebrandmarkten Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere, in denen die Hintergründe des Vietnam-Kriegs enthüllt wurden.
Was in unseren Tagen Julian Asange mit der Veröffentlichung der Wikileaks über die Kriegsverbrechen der amerikanischen Besatzungsarmee im Irak bewirkte und mit der Aufdeckung durch Snowden der Bespitzelung der ganzen Welt inklusive der USA selbst durch die NSA – hier hat es seine Vorbilder. Das ließe sich noch ergänzen und aktualisieren durch den Skandal um die Panama Papers (inzwischen von Steven Soderbergh verfilmt als Die Geldwäscherei) und andere politische Skandale.

Um einen Enthüllungs-Journalismus ganz anderer Art geht es in Kir Royal – einer Mini-Serie im deutschen Fernsehen, in der Helmut Dietl das Leben der Münchner Schickeria gnadenlos bloßstellt durch den Skandalreporter „Baby Schimmerlos“ (großartig gespielt von Franz Xaver Kroetz).

Im den beiden nächsten Newslettern geht es weiter mit:
° Autoren-Schicksalen;
° Schreib-Blockaden (und wie man sie auflöst);
° allerlei Curiosa und Special Aspects des Schreibens;
° eine mörderische Bestsellerautorin;
° meinen drei Lieblings-Filme zum Thema „Schreiben“;
° einen Film, der sicher in allernächster Zeit gedreht werden wird, weil die junge Dame (* 3. Januar 2003 in Stockholm), gerade mal 17 Jahre alt, es als „Person of the Year“ auf die Titelseite des Time Magazine geschafft hat.

Dazu eine umfangreiche Tabelle, in der alle diese Filme detailliert erfasst sind. Weniger Details zu den oben erwähnten Filmen finden Sie bereits hier in der komprimierten

Filmographie

(alphabetisch nach Filmtitel)

Jonze, Spike (Regie): Adaption. USA 2003.
Pakula, Alan J. (Regie): Die Unbestechlichen (All the President’s Men). USA 1976.
Dayan, Josée (Regie):Balzac – Ein Leben voller Leidenschaft. Frankreich Italien Deutschland 1999.
Tykwer, Tom mit Wachowski, Andrew und Wachowski Lana (Regie): Cloud Atlas. Deutschland USA Hongkong 2012.
Milius, John (Regie): Conan der Barbar. USA 1981 (Dino de Laurentiis).
Stevens, George (Regie): Das Tagebuch der Anne Frank. USA 1959.
Allen, Woody (Regie): Deconstructing Harry (Harry außer sich). USA 1997.
Goldsmith, Rick und Ehrlich, Judith (Regie):Der gefährlichste Mann in Amerika – Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere. USA 2009.
Jackson, Peter (Regie): Der Herr der Ringe I: Die Gefährten. Neuseeland USA 2002 (MGM).
Jackson, Peter (Regie): Der Hobbit I: Eine unerwartete Reise. Neuseeland USA 2013 (MGM).
Ford, John (Regie): Der Teufelshauptmann (She wore a yellow ribbon). USA 1949.
Soderbergh, Steven (Regie): Die Geldwäscherei (The Landromat). USA 2019.
Ephron, Nora (Regie): E-Mail für dich. USA 1999 (Warner Bros.).
Silberston, Jeremy (Regie): Inspektor Barnaby: Written in Blood (Blutige Anfänger). Great Britain 1998.
Stanton, Andrew (Regie): John Carter – Zwischen zwei Welten. USA 2012 (nach Burroughs, Edgar Rice: Princess of Mars. New York 1912).
Dietl, Helmut (Regie): Kir Royal. Deutschland 1985.
Jones, Kirk (Regie und Drehbuch): Lang lebe Ned Devine (Waking Ned). England Irland 1998 (Tomboy Films).
Yates, David (Regie): Legend of Tarzan. USA 2016 (MGM).
Miller, George (Regie): Lorenzos Öl. USA 1992 (Universal).
Murphy, Pat (Regie): Nora – Die leidenschaftliche Liebe von James Joyce. Deutschland, Italien, Irland 2000.
Fincher, David (Regie): The Social Network. USA 2010.
Reitman, Jason (Regie): Up in the Air. USA Kanada 2009