Filme übers Schreiben 3/4: Schreibblockaden

Der Abbau von Schreibblockaden geschieht in unseren Seminaren gewissermaßen „nebenbei“ – wenn diese nicht zu massiv in der Persönlichkeitsstruktur verankert sind.
Solche Writer´s blocks entstehen nämlich nicht selten durch handwerkliche Fehler oder falsche Erwartungen, die man leicht abbauen kann.
Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Link auf unsere Website, wo Sie diesbezüglich weitere Informationen abrufen können.

Und nun zu den Filmen, in denen es um Schreibblockaden geht. Es sind erstaunlich viele – was vermuten lässt, dass sie Drehbuch-Autoren nicht fremd sind und diese das beste Hilfsmittel einsetzen, was es gegen Writers´ block gibt: Sie lösen sie auf, indem sie die Blockade beschreiben oder zum Thema machen.

Unter dem Himmel der Toscana (Shadows in the Sun)
Seit 20 Jahren hat Weldon Parish (Harvey Keitel) keine Zeile mehr geschrieben. Jeremie Taylor, Lektor seines Verlags und selbst ein ambitionierter (aber blockierter) Jung-Autor, wird von seinem Verlags-Boss in die Toscana geschickt, um den alten Zausel wieder zum Schreiben zu bewegen.
Hübsch gemachter Film, mit dieser Überkreuz-Aktivierung der beiden Schreibblockierten. Aber es gibt einige Unglaubwürdigkeiten, die ein katholisches Bauerndorf in Italien nicht tolerieren würde: Das Nacktbaden von Parish, die öffentliche Knutscherei der beiden Jungverliebten – oder dass der alte Mann seine älteste Tochter dem Jungspund ohne jede Eifersucht überlassen würde – wo doch die drei Töchter Ersatz für die Fürsorge seiner verstorbenen Frau sind!
Dennoch ein für jeden Schreibenden aufschlussreicher Streifen, der die Entstehung einer massiven Blockade sichtbar macht.

Harry außer sich (Deconstructing Harry)
Diesen Film habe ich schon im ersten Teil dieser Serie vorgestellt. An die Seite stellen möchte ich ihm nun meinen Lieblingsfilm aller Lieblingsfilme, was das Schreiben angeht. Denn in

Die WonderBoys
ist die Hauptfigur nicht nur ein Schriftsteller mit einer ganz besonders eigenartigen Schreibblockade – er ist außerdem noch Lehrer für Creative Writing.
Was letzteres angeht, würde ich sehr davon abraten, sich von so einem „Schreib-Lehrer“ etwas beibringen zu lassen. Nicht nur, weil Grady Tripp (Nomen est Omen – ganz großartig: Michael Douglas) selbst kein neuer Roman gelingt, sondern weil seine Lehrmethoden ausgesprochen „schwarze Schreib-Pädagogik“ sind, die niemandem wirklich etwas bringen würde – die allerdings gerade an Universitäten recht weit verbreitet sein dürften.
Was Tripps eigene Autorenprobleme angeht, so könnte man beim ersten Hinsehen meinen, dass er gar keine Blockade hat, weil er doch unaufhörlich Text produziert, Aber das täuscht: Sein Writer´s Block besteht darin, dass er mit seinem Manuskript keine stimmige Form und kein passendes Ende findet. Das Kiffen macht ihn zwar produktiv – macht ihn aber auch unkritisch dem eigenen Werk gegenüber.
Der Ausweg besteht zunächst darin, dass seine „tausend Seiten“ erst gestohlen und dann von einem Sturm in die Gegend verstreut werden. Vor allem aber verliebt er sich und fängt, durch die Frau ermutigt, nochmal von vorne an mit seinem Manuskript. „Gutes Gelingen, Grady“, kann man da nur wünschen.

Ein ähnlicher Plot handelt einige Jahrhunderte früher und hat zum Protagonisten einen der ganz Großen: Shakespeare in Love
Ob Shakespeare jemals eine Schreibblockade hatte (wie im Film kolportiert wird) ist zweifelhaft. Das ist jedenfalls nirgends überliefert und angesichts seines gewaltigen Lebenswerks sehr unwahrscheinlich. Im Film laboriert er allerdings mächtig an einer Blockade herum. Bis er sich verliebt – und sich, oh Wunder, seine Schreib-Blockade auflöst.
Wer´s glaubt, wird selig. Aber der Film ist ein wunderbarer Augen- und Ohrenschmaus, mit großartigen Schauspielern, allen voran Joseph Fiennes als „Will“.
Köstlich die Szene, in der Young Will wegen seiner Blockade beim Psychoanalytiker auf der Couch liegt. Ein schönes Spiel mit dem Anachronismus.

Schräger als Fiktion (Stranger than Fiction)
Unter einer Schreib-Blockade ganz spezieller Art leidet die renommierte Autorin Karen Eiffel. Wenn sie nämlich, wie geplant und wie in jedem ihrer bisherigen Romane ihre Hauptfigur am Ende sterben lässt – (toller Perspektivenwechsel) – wird dies logischerweise zu einem Desaster für diesen biederen Steuerprüfer Harold Crick. Der entdeckt nämlich, dass er die Hauptfigur in jenem Roman ist – und somit rettungslos dem Tod geweiht. Dennoch setzt er alles daran, einen Ausweg aus dieser vorgezeichneten Falle zu finden.
In jeder Hinsicht eine tolle Geschichte – großartig gespielt von Will Farrell (der Steuerprüfer), Maggie Gyllenhaal (die Frau, die Harry gerade steuerlich überprüft und in die er sich verliebt), Emma Thompson (als hinreißend neurotische Autorin), Queen Latifeh (ihre vom Verlag organisierte burschikos-realistische Helferin) und einem wunderbar gealterter Dustin Hoffman in der Rolle eines hochgelehrten Literaturprofessors, der alles daran setzt, mit seiner Recherche doch noch einen Ausweg aus Harrys Dilemma zu finden. Denn: „Harry verdient ein Happy End!“ Und das bekommt er auch – mit Hilfe eines genialen Einfalls des Drehbuchautors Helm Zach, der hier nicht verraten werden soll.
Der deutsche Titel „Schräger als Fiktion“ ist leider saublöd  – weil zu wörtlich (und dabei auch noch falsch) übersetzt! Aber der Film ist ganz wunderbar, nicht zuletzt durch das Spiel seiner beiden weiblichen Hauptfiguren – der Autorin „Eiffel“ und der hinreißend frechen Betreiberin des Coffee Shop.

Jetzt wird es spezieller: vom „Autor allgemein“ zum „Drehbuch-Autor“. Hollywood lässt hier ganz besonders grüßen, wenn seine Drehbuch-Autoren gewissermaßen „aus dem Nähkörbchen plaudern“. Machen wir den Anfang mit

Barton Fink
Der Familienname ist hier gewissermaßen „Botschaft“, denn eine der Bedeutungen von „fink“ ist „jemanden verraten“. Und genau darum geht es in diesem wüsten Mord-Komplott, in das ein aufstrebender Jungautor gerät, dem Hollywood ein verlockendes Angebot macht. Nun sitzt ihm das Produktionsbüro im Nacken – was Bartons Blockade nur noch schlimmer macht.
Ein sehr guter Film der Brüder Ethan und Joel Coen (die gemeinsam das Drehbuch verfasst und Regie geführt haben) – wenn auch recht seltsam: Dieses Zusammenspiel von schreibblockiertem Drehbuchautor und Serienkiller (toll gespielt von John Goodman) und dazu dieser „heiße“ Schluss, wo das halbe Hotel brennt – und dennoch keine Panik bei Barton Fink ausbricht. So als sei er in einer Art Wahn befangen, in dem all dies geschieht (inklusive der Ermordung der sehnsüchtig begehrten Audrey in seinem Bett).

Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin
Da ich diesen Film selbst nicht kenne, sei hier aus der Wikipedia zitiert – wo man auch nachlesen kann, wie es mit den Figuren weitergeht:
„Calvin Weir-Fields ist ein junger Schriftsteller, der ein paar Jahre zuvor einen erfolgreichen Roman veröffentlicht hat. Jetzt aber steckt er in einer Schreibblockade und besucht deswegen auch einen Therapeuten. Calvin hat außerdem Schwierigkeiten Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, der einzige mit dem er sich regelmäßig trifft ist sein Bruder Harry. Als er eines Nachts von einer unbekannten jungen Frau träumt erzählt Calvin dies seinem Therapeuten. Dieser gibt ihm daraufhin die Aufgabe, eine Seite über eine Person zu schreiben, die seinen Hund Scotty, den er sich eigentlich angeschafft hat, um in Kontakt mit Leuten zu kommen, so akzeptiert, wie er ist, nämlich äußerst schreckhaft. In der kommenden Nacht träumt Calvin erneut von der Frau, die ihn diesmal im Traum fragt, ob sie seinen Hund malen darf. Sofort wacht Calvin auf und setzt sich an seine Schreibmaschine.“

Adaption
Charlie Kaufman ist einer der eigenwilligsten amerikanischen Drehbuch-Autoren, der vor allem für das bekannt ist, was man „Arthaus-Kino“ nennt, also eher anspruchsvolle, „literarische“ Verfilmungen. So schrieb er das Buch zu Being John Malkovitch, wo jemand (eben Malkovitch) buchstäblich in seinen eigenen Kopf kriecht. Hier in Adaption macht er etwas ähnlich Schräges:
Er macht sich selbst als „Charly Kaufman“ zur Hauptfigur (allerdings gespielt von Nicholas Cage), nämlich zu einem Drehbuch-Autor, der an einer furchtbaren Blockade herumlaboriert, denn es will ihm einfach nicht gelingen, die Drehbuch-Adaption von Susan Orleans Roman „The Orchid Thief“ zu schreiben. Dann setzt ChK eins drauf und führt als zweite Hauptfigur seinen (fiktiven) Zwillingsbruder Donald ein, der auch ein Drehbuch schreiben will, jedoch sehr selbstbewusst ist und keinerlei literarische Skrupel hat und tatsächlich „in die Tasten haut“.
Nicolas Cage nervt – ist aber vielleicht gerade dadurch die zum Plot passende Besetzung. Der Schluss ist meines Erachtens schwach. Aber es ist dennoch ein sehr lehrreiches Film-Beispiel speziell für „Filme rund ums Schreiben“.

Die Muse
ist gewissermaßen Hollywoods Traum-Antwort für blockadengeplagte Drehbuch-Schreiber: Eine total durchgeknallte schöne, selbstbewusste Frau, die behauptet, eine der Musen-Töchter von Göttervater Zeus zu sein. (Oder ist sie nur eine aus der Nervenklinik entsprungene Patientin?) Egal wie und was: Sie fordert zwar enorm nervende Bezahlung – aber ihre Klienten haben postwend Erfolg Ihre Blockade löst sich auf, und die betörende Sarah Little avanciert zum Geheimtipp. Dem verfällt auch Hauptfigur Steven Phillips in seiner Not, nachdem ihm sein Freund Jack Warrick verraten hat, wie er seinem Writer´s Block entkam und zum preisgekrönten Autor avancierte.
Ein Heidenspaß mit vielen guten Ideen (so hat der echte Drehbuch-Autor Rob Reiner, der u.a. das Skript zu „Harry und Sally“ und zu „Ein verzauberter Sommer“ <s. unten> schrieb, einen Cameo-Auftritt). Und am Schluss gibt es noch einen prächtigen, sehr überraschender Gag (der hier nicht verraten wird).

Apropos „Hollywood“: Wie es dort „hinter den Kulissen“ zugeht erfährt man in Quentin Tarantinos neuem Werk Once upon a time in Hollywood.
Der Film mit Leonardo di  Caprio (als abgehalfterter Schauspieler Rick Dalton) und Brad Pitt (als Daltons Stuntman und Spezialist für Dreckarbeiten) handelt zwar nicht direkt vom Drehbuch-Schreiben – aber er zeigt die Welt, in der Drehbücher geschrieben werden, und veranschaulicht den enormen Druck, der dort ausgeübt wird. Das mag in Deutschland nicht ganz so schlimm sein – aber es lohnt sich der Weg über den Ozean nach München und zum Film von Helmut Dietl:

Rossini – oder: Die mörderische Frage, wer mit wem geschlafen hat
Es heißt, dass der hier vorkommende und überaus menschenscheuen fiktive Schriftsteller Jakob Windisch dem real existierenden Autor (und für einige Erfolgsfilme von Dietl verantwortlichen) Patrick Süsskind nachgebildet ist. Sei dem wie dem sei – es ist köstlich anzuschauen, wie hier ein Autor an einer massiven Schreibblockade laboriert, während um ihn herum die Münchner Film-Schickeria ihr gelangweilt-aufgeregtes Spiel spielt: Regisseur Uhu Zigeuner, der Produzent Oskar Reiter und der Dichter Bodo Kriegnitz – allesamt mit real existierenden Vorbildern. So ist „Uhu Zigeuner“ fraglos dem Regisseur Dietl nachgebildet (und wird sehr überzeugend gespielt von Götz George).
Zigeuner und Reiter wollen unbedingt den Bestseller-Roman „Die Loreley“ des überaus menschenscheuen Schriftstellers Jakob Windisch verfilmen, obwohl der Autor sich immer wieder dagegenstellt.

Ich will hier die Aufzählung nicht fortführen, sondern nur noch mit einigen sehenswerten Titeln zum Thema „Schreib-Blockaden im Film“ ergänzen:

Schmeiß die Mama aus dem Zug (Witzige Komödie mit Hobby-Möchtegern-Autor Danny de Vito und blockiertem Erfolgsautor Larry Donner, gespielt von Billy Crystal).

La dolce Vita (Regie: Federico Fellini – mit Marcello Mastroianni als gelangweiltem Klatsch-Journalisten, der seinen Großen Roman nicht gebacken bekommt und lieber dem „süßen Leben“ nachschnürt wie ein hungriger Fuchs auf der Jagd nach leckeren Gänsen. In Wahrheit leidet er wohl unter einer Depression, welche die Ursache für seine Roman-Schreibblockade sein dürfte.)

Ein verzauberter Sommer – The Magic of Belle Isle. (Ein wirklich „verzauberter Sommer“ im Leben eines Schriftstellers, der nach Tod seiner Frau und einem schwerem Unfall mit einem unbrauchbaren Arm im Rollstuhl sitz und mit seinem Schicksal hadert – mit einem großartigen Morgan Freeman in der Hauptrolle.)

Tod in Venedig (Die kongeniale Verfilmung von Thomas Manns Novelle: Der alternde Schriftsteller Gustav von Aschenbach verliebt sich in den hübschen Jungen Tadzio. Die gelungene künstlerische Dokumentation einer Schreib-Blockade: „Um sich von seinem künstlerischen wie persönlichen Zusammenbruch zu erholen…“)

Simson ist nicht zu schlagen (A Fine Madness – Samson Shillitoe ist ein genialer Dichter, der sich in psychiatrische Behandlung begibt, um seine Schreibblockade zu überwinden.)

Der Morgen nach dem Tod (Tatort-Krimi: Erst bedroht eine Schreibblockade die Existenz des Bestseller-Autors Thomas Winter, dann stürzt er beim Fallschirmspringen beinahe in den Tod. Dabei hat er eine Vision: Er wird am 11. November sterben.)

Abschließend möchte ich noch einmal auf einen Film verweisen, den ich in Teil 1 bereits vorgestellt habe:
Die Frau des Nobelpreisträgers (The Wife)
Eigentlich ist dies, wenn man die Frau des titelgebenden „Nobelpreisträgers“ wirklich in den Mittelpunkt stellt, ebenfalls die Darstellung einer Schreib-Blockade. Nur sieht diese völlig anders aus: Die „Frau“ schreibt ja die Meisterwerke ihres Mannes – aber sie nimmt sich vornehm zurück und blockiert damit ihre eigene Karriere.

Wenn Sie mehr über Schreib-Blockaden und den Möglichkeiten zu ihrer Auflösung lesen möchten:

Auf unserer Website „iak-talente.de“ finden Sie weitere Informationen:
https://iak-talente.de/werkzeuge/wissenswertes/schreibblockaden-und-ihre-loesung/
Oder Sie besuchen eines unserer Seminare (s. unten).

Im nächsten, vierten Teil weitere Aspekte des Schreibens in Filmen, die zeigen, wie wichtig diese kulturelle Kernkompetenz ist.

Details zu den oben erwähnten Filmen finden Sie hier in der komprimierten Filmographie. Eine umfangreiche Tabelle, in der alle diese Filme aus allen vier Teilen detailliert erfasst sind, verschicke ich zusammen mit dem vierten Teil im Anhang als eigene pdf-Datei.

Filmographie
(alphabetisch nach Filmtitel)

Jonze, Spike (Regie): Adaption. USA 2003.
Coen, Ethan und Coen, Joel (Regie): Barton Fink. USA 1991 (Universal).
Tafel, Sybille (Regie): Der Morgen nach dem Tod. Deutschland 2002.
Runge, Björn (Regie): Die Frau des Nobelpreisträgers (The Wife). Schweden USA 2017 (Twentieth Century Fox).
Brooks, Albert (Regie): Die Muse. USA 1999 (October Films).
Hanson, Curtis (Regie): Die WonderBoys. USA 2000.
Reiner, Rob (Regie): Ein verzauberter Sommer (The Magic of Belle Isle). USA 2012 (Castlerock).
Allen, Woody (Regie): Harry außer sich (Deconstructing Harry). USA 1997.
Fellini, Federico (Regie): La dolce Vita. Italien 1959.
Tarantino, Quentin (Regie): Once upon a time in Hollywood. USA 2019.
Dayton, Jonhan und Valerie Faris (Regie): Ruby Sparks. USA 2012.
DeVito, Danny (Regie): Schmeiß die Mama aus dem Zug. USA 1987.
Forster, Marc (Regie): Schräger als Fiktion (Stranger than Fiction). USA 2006 (Paramount).
Madden, John (Regie): Shakespeare in Love. England 1999 (Warner Bros.).
Kershner, Irvin (Regie): Simson ist nicht zu schlagen (A Fine Madness). USA 1966 (Warner Brothers).
Visconti, Luchino (Regie): Tod in Venedig. Italien / Frankreich 1971.
Mirman, Brad (Regie): Unter dem Himmel der Toscana (Shadows in the Sun). Great Britain_Italien 2005.

Aktualisiert: 05. Märzt 2020 (29. Feb 2020)