Lust auf Lyrik?

Die kürzeste Gedichtform? Nein, das ist nicht das japanische Mikro-Gedicht Haiku, sondern der Zweizeiler (Distichon). Goethe liebte diese Form, wie man in seinem Westöstlichen Diwan nachlesen kann. Berühmt ist der ursprünglich griechische Epitaph zur Erinnerung an die Spartaner, die in der Schlacht bei den Thermolysen (480 v.d.Z.) gefallen waren, in der Übersetzung von Schiller:
„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
Uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“

Sehr beliebt ist die verzwickten Form des Schüttelreims, sowohl als Zweizeiler wie als Vierzeiler (gerne auch anzüglich erotisch):
„Erst saßen sie am Teich ein Weilchen
– dann spielten sie mit weichen Teilchen.“

Aus der Alpinistik und sehr tiefsinnig dieser schüttelgereimte Vierzeiler:
„Den Kletterer kühnes Überwinden ehrt,
Doch wenn im Sturm er in den Wänden irrt,
Versenkt er wohl zu spät sich in den Wert
Des Lebens, das für ihn bald enden wird.“
(Mittler, S. 40)

Mächtig schwer, oft nur eine Zeile lang, sind die Palindrom-Gedichte, die man sowohl von links wie von rechts lesen kann:
„Oh Cello, voll Echo.“
Politisch nicht mehr ganz korrekt ist in dieser Hinsicht dieser Klassiker, über den ältere Semester sich schon in der Schule amüsiert haben:
„Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.“
Wenn man in der richtigen Stimmung ist – und sinnvollerweise von der Mitte her zu konstruieren beginnt -, geht es manchmal ganz leicht, wie ein Selbstversuch zeigt:
„Hallo, Palindrom! Nie ein Mord, Nil-Apoll Ah“
Naja, ist wirklich sehr konstruiert – aber funktioniert, ergibt sogar einen Sinn und hat Spaß gemacht.

Limericks sind auch sehr anspruchsvoll:

„Da war mal ein Mann in der Wüste
Der dort seine Sünden verbüßte.
Er fing mit der Hand
Jede Flieg ‚an der Wand
– dabei gibt´s keine Wand in der Wüste.“

Im Englischen klingt das, in einem anderen Beispiel, weit eleganter (weil sich die Sprache besser eignet):
„There once was a man who said damm´n
I´ve just found out that I am
A Creature that moves
In determinate Groves
Not a bus, not a bus  – but a tram.“

Oder anzüglich (von Rudyard Kipling):
„There was a young lady in Riga
Who liked to ride on a tiga
They came back from a ride
With the lady inside
And a smile on the face of the tiga.“

(Wenn das Schulenglisch nicht mehr ausreicht – einfach mal mit Google Translate probieren – ergibt zumindest zusätzlich noch einen unfreiwilligen Lacher.)

Tiefsinnige Sonette

Von den fünf Zeilen des Limerick ist es nicht weit zum Sonett mit seinen 3×4+2 = 14 Zeilen. Ein Beispiel, das mich schon als 18jähriger Schüler tief berührt hat, war John Miltons „On his Blindness“, das er angesichts seiner eigenen Erblindung schrieb:

When I consider how my light is spent
Ere half my days in this dark world and wide,
And that one talent which is death to hide
Lodg’d with me useless, though my soul more bent

To serve therewith my Maker, and present
My true account, lest he returning chide;
„Doth God exact day-labour, light denied?“
I fondly ask. But Patience to prevent

That murmur, soon replies: „God doth not need
Either man’s work or his own gifts; who best
Bear his mild yoke, they serve him best. His state
Is kingly. Thousands at his bidding speed

And post o’er land and ocean without rest:
They also serve who only stand and wait.“

Was für ein tröstlicher Schluss: „Auch jene, die nur stehn und warten“ haben ein sinnvoles Leben. Dem Englischlehrer gefiel meine Übersetzung nicht sonderlich gut, die so begann:

„Wenn ich bedenke, wie mein Licht erlosch
Zur Hälfte meiner Tage…“

Aber dieses Sonett hat mich durch mein ganzes Lebens begleitet und schon 1962 zu meiner Science-Fiction-Story „Blindheit“ inspiriert, die in fünf Sprachen übersetzt und immr wieder nachgedruckt wurde und mir einige Tausend Mark Honorar beschert hat – für gerade mal zehn Manuskriptseiten. Danke, John Milton!

Weit bekannter dürften die Sonette von William Shakespeare sein. Er schrieb Dutzende davon, von denen viele auch übersetzt wurden. Eines davon, das elegische, todessehnsüchtige „Sonett Nr. 66“, wurde im Lauf der Jahrhunderte gleich 88 (!) mal ins Deutsche übertragen. Es beginnt so:

„Tired with all these, for restful death I cry…“

Ulrich Erckenbrecht war davon so begeistert, dass er alle 88 Varianten in einer Anthologie mit dem schlichten Titel Shakespeare Sechsundsechzig zusammengetragen und kommentiert hat. Ein wunderbarer Sonderfall von Literaturbesessenheit!

 

Und nun zu den eingangs erwähnten Haiku (Plural: ebenfalls Haiku). Zwei japanische Klassiker, auch in deutscher Übersetzung noch sehr eindrucksvoll (Inahata, S. 61 und S. 8):

„Furu ike ya
kawazu tobikomu
mizu no oto.“

(Basho im Original, wenngleich in lateinischen Buchstaben)

„Ein alter Weiher!
Hinein springt ein Frosch,
des Wassers Tönen.“

(Basho, übersetzt)

„In das Meer laufend,
über die Wellen stolpernd,
schwimmende Kinder.“
(Kyoshi)

In beiden Beispielen kommt, wie beim Haiku sehr erwünscht, eine Jahreszeit vor. Wann laufen Kinder ins Meer? Im Sommer. Wann springen die Frösche in den Weiher? Im Frühling vermutlich.

Eigentlich ist es unsinnig, Haiku aus der Originalsprache ins Deutsche zu übertragen – denn das Japanische ist eine Silbenschrift, die der strengen Silbenzahlvorgabe „5-7-5 = 17“ sehr entspricht – wohingegen die deutsche Schriftsprache auf Buchstaben basiert. Aber zum einen gibt es auch im Deutschen erstaunliche viele einsilbige Wörter  (Arm, alt, Ohr, Aug´ – ja, die Ersetzung eines Anhängsels durch den Apostroph ist erlaubt!) und zum anderen kann man längere Wörter ja in Silben takten.
„Donaudampfschifffahrtskapitiänswitwe“ ist nicht sehr ratsam mit seinen zehn Silben (und ohnehin nicht sehr lyriktauglich) – aber viele zwei- oder auch dreisilbige Wörter eignen sich durchaus. Ein Beispiel aus der eigenen Lyrik-Werkstatt. Angesichts des ungewöhnlich heißen Juni 2019 (die Jahreszeiten sind sehr wichtig für das Haiku!) und Greta Thunbergs mahnendem Aufruf zum „Schulstreik für das Klima“ entstand dieses Haiku:

(5) Brü ten de Hit ze
(7) Kli ma wan del springt mich an
(5) Der See schwappt trä ge.

Sieht doch schon recht „japanisch“ aus! (Und wurde nur des Anschaulichkeit halber in Silben zerlegt.)
Anmerkung: Ursprünglich kennt das Haiku kein Subjekt („lyrisches Ich“: ich, mich etc.). Aber wie mir ein japanisches Lehrerehepaar versichert hat, mit dem ich während einer Zugreise ins Gespräch kam, gibt es inzwischen moderne Varianten des Haiku, die durchaus ein erlebendes, berichtendes Subjekt zulassen. Endreime sind im japanischen Original auch nicht üblich, überhaupt verzichtet man aus so ertwas wie ein Versmaß. Aber im Deutschen macht sich das nicht schlecht – und sogar Binnenreime sind möglich.

Die Anleitung zum Haiku-Dichten…
… die wir in der Sommer-Schreib-Werkstatt“ angeboten haben, lautete schlicht:
1. Geh raus in die die Natur und notiere, was deine Aufmerksamkeit erregt.
2. Wähle jeweils drei aussagekräftige Beobachtungen und montiere sie zu einem Dreizeiler.
3. Entferne alles Überflüssige, bis nur die 5+7+5 Silben übrig sind – das entspricht dem Vorgang des (Ver-) Dichtens.
4. Lies und korrigier das so lange, bis du mit dem Resultat zufrieden bis.
Die Japaner sagen: Von 100 Haiku gelingt einer. Na bitte!

Brotlose Kunst?
Und ja: Carl Spitzweg (1808-1885) hat mit seinem Gemälde des bedauernswerten „Armen Poeten“ genau den Punkt getroffen: Dichten ist normalerweise eine brotlose Kunst. Als Elfriede Jelinek 2004 den Literaturnobelpreis (vor allem für ihre Theaterstücke) bekam, verkaufte sich auch ihre Lyrik plötzlich nicht nur tröpfchenweise – aber viel mehr als 800 Exemplare ihrer Anthologie musste der Allitera-Verlag nicht ausliefern.
Ganz anders war das einige Jahre später (2016), als Bob Dylan ausdrücklich für seine Songtexte (die ja nichts anders als vertonte Gedichte sind) ebenfalls den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam. Dylan ist zwar auf dank seiner sonstigen Einkünfte kaum auf die monetäre Begleitmusik eines Nobelpreises angewiesen – aber als Beifang hat er die seit 2012 mit acht Millionen Schwedischen Kronen dotierte Gabe (derzeit etwa 749.000 Euro) sicher gerne mitgenommen.
In den Leserbriefspalten gifteten manche beckmesserisch, dass sei doch „keine nobelpreiswürdige Literatur“. Na was denn sonst – wenn Millionen Hörer und Leser diese Songs schätzen und ihre Lyrik auswendig lernen, weil sie so tief berührt wie lange keine Lyrik mehr berührt hat und sogar hochpolitisch ist:
Das tiefgründige „The Times They Are a-Changin’“, das militärkritische „Masters of War“, das apokalyptische „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ und das wunderbare „Blowin in the Wind“.

Nun unsere nostalgische Werbeeinblendung
Werbung nützt Reime gerne, weil die sich besonders leicht im Konsumenten einnisten, vor allem, wenn sie mit einer Prise Witz (oder Dialekt) daherkommen. Dies hat sich in der Kindheit in mein Gedächtnis eingebrannt, als es noch kein Fernsehen gab und Reklame aus dem Radio dudelte:
„Rasch verklingend wie ein Ton,
schwindet Schmerz durch Melabon.“

Oder im Münchner O-Ton:
„Die Semmelknödel von Laimer
– bei dene Knödel, da blei´m mer.“

Und so prägte sich, durchaus sinn- und erfolgreich, sogar akustische Verkehrserziehung für alle Zeiten wie ein Werbespruch ein:
„Erst links, dann rechts, dann gradeaus
– so kommst du sicher stets nachhaus.“

Heutzutage in den Zeiten von Twitter und anderer Smartphone-Notizen auf winzigen Monitoren ist derlei Zweizeiliges viel zu umfangreich, habe ich den Eindruck, und entsprechend aus der Mode gekommen. Das schrumpft aber schon immer gerne auf eine Zeile, und minimalistischer geht es wirklich nicht (ist allerdings auch kein Gedicht):

„Osram – hell wie der lichte Tag.“ (60er Jahre, am Münchner Stachus als prominente Lichtreklame – die gerade entfernt wurde.)

„Pack den Tiger in den Tank.“ (Die Antwort von Esso auf den Ölschok der 70er Jahre.)

Reimender Abgesang
Früher war es üblich, komplette Theaterstücke zu reimen. Eine Spätfolge jener Zeit, als Werke wie die Odyssee und die Illias von fahrenden Sängern auswendig vorgetragen wurden (die nicht unbedingt tatsächlich Homer hießen), ja als das gesamte Kulturgut einer Menschengruppe in schriftlosen Zeiten von den Medizinmännern und Barden auswendig gelernt, vorgetragen und weitergegeben wurden. Die (End-) Reime waren dabei unabdingbare mnemotechnische Hilfsmittel, ohne die solche gigantischen Gedächtnisleistungen nicht möglich gewesen wären.
Aber musste Goethe seinen Faust unbedingt in Versen mit Endreim verfassen? Das wirkt heutzutage (von glänzend funkelnden einzelnen Preziosen mal abgesehen), doch sehr bemüht – eben „reim dich oder ich fress dich“.
Mag sein, dass mich so mancher Goethe-Verehrer für eine derart ketzerische Anmerkung gerne steinigen würde – aber so ist das nun mal. Die Schauspieler mögen die Reime lieben (weil sie sich, s. Mnemotechnik, mit dem Auswendiglernen leichter tun) – aber für die unten im Saal sitzenden Zuschauer ist es eher – naja: langfädig und bemüht.
Wie singt Bob Dylan so überzeugend? „The times, the are a-changin´“. Genau.

Zu guter Letzt
Man könnte ganze Tagebücher in Reime fassen – wenn es nicht so mühsam wäre. Hier ein hintersinniger Rausschmeißer in dieser Richtung:
„Leider in der jüngsten Zeit
Plagt mich die Vergesslichkeit
Und was ich euch wollt berichten
– ich vergaß es, jetzt beim Dichten.“
(In Memoriam HvS)

Und ganz zum Schluss
„Ihr habt es gewusst!“
Hör ich meine Enkel
Aus der Zukunft schreien

Bibliographie
Dylan, Bob: Songtexte 1962–1985. Deutsch von Carl Weissner und Walter Hartmann (zeilenweise und „reimgetreue“ Gegenüberstellung der englischen und deutschen Texte), Frankfurt 1987 (Zweitausendeins).
Bob Dylan: Lyrics 1962–2001. Sämtliche Songtexte, deutsch von Gisbert Haefs, zweisprachige Ausgabe. Hamburg 2004, (Hoffmann und Campe).
Erckenbrecht, Ulrich: Shakespeare Sechsundsechzig. Vriationen über ein Sonnett. Göttingen 1996 (Muriverlag).
Inahata, Teiko: Erste Haiku-Schritte – eine Fibel. München 1986 (Günther Klinge Haiku-Verlag).
Juhlen, Gerda (Hrsg.): 4 Schock schockierende Limericks. Frankfurt am Main 1974 (Fischer Taschenbuch).
Lear, Edward: Sämtliche Limericks. Englisch/Deutsch Stuttgart 1988 (Reclam).
Mittler, Franz (hrsg. Von Friedrich Torberg): Gesammelte Schüttelreime.München 1994 (Serie Piper Humor).
Parrott, E.O. (Hrsg.): The Penguin Book of Limericks. London 1983 (Penguin).
Pfeiffer, Herbert: Oh Cello vol Echo. Palindrom-Gedichte. Frankfurt am Main 1992 (Insel)
Stengel, Hansgeorg: AnnasusannA – ein Pendelbuch für Rechts- und Linksleser. München Leipzig 1995 (Paul List).

Gepostet: 21. September 2019/10:28