Filme übers Schreiben 4/5: Menschheit ohne Schreiben

(Filme rund ums Schreiben 1/5: Wunderwelten)
(Filme rund ums Schreiben 2/5: Autorenschicksale)
(Filme rund ums Schreiben 3/5: Schreibblockaden – und ihre Lösung)

Filme rund ums Schreiben 4/5:
Menschheit ohne Schreiben?

(Filme rund ums Schreiben 5/5: Überraschungseier)

2009 lief im Fernsehen die sehr nachdenklich stimmende Serie Zukunft ohne Menschen, basierend auf dem Buch Die Welt ohne uns von Alan Weisman. Ich habe diese Fiktion weitergesponnen bzw. eingeengt:

Was würde geschehen, wenn über Nacht die Kunst und das Handwerk des Schrei­bens verloren ginge? Wenn auf der ganzen Welt niemand mehr wüsste, wie man ein Protokoll oder eine simple Aktennotiz ver­fertigt, wie man einen Brief, ein Telegramm, ein Memorandum verfasst, geschweige denn einen Zeitungsartikel – oder ein ganzes Buch?
Keine Strafzettel mehr, keine Verträge, keine Schuldverschrei­bungen, keine Unterschrift mehr unter einen Scheck oder ein Ge­richtsurteil …

Wer weiß, vielleicht ist dies gar keine so verrückte Idee aus der Welt der Science Fiction, vielleicht basteln in irgendeinem obsku­ren Gen-Laboratorium die mad scientists längst an einem Virus, der gezielt bestimmte Areale in der linken Hirnhälfte von Men­schen attackiert – und der damit in der Tat das Schreibvermögen zerstören könnte …

Jedenfalls gäbe es, wenn diese Virus-Attacke weltweit gelänge, sehr rasch keine Kultur im heutigen Sinne mehr. Die Zivilisation würde für geraume Zeit zerfallen, wie nach einem alles vernichten­den Atomkrieg – nur vielleicht etwas weniger spektakulär.
Nun, dies ist keine Science Fiction. Worauf ich mit diesem – hof­fentlich – absurden Beispiel hinweisen möchte, ist die Tatsache, dass das Schreiben die Kulturtechnik schlechthin ist.


Corona und das Schreiben

Auf die Idee mit dem Virus hat mich nicht die aktuell wütende Pandemie gebracht – das obige Zitat habe ich wörtlich aus meinem Buch Kreatives Schreiben aus dem Jahr 1989 zitiert. Aber die Corona-Pandemie hat drastisch bewiesen, wie wichtig das Schreiben in vielerlei Formen ist. Nicht alle haben derzeit die Möglichkeit (und die Lust) zu Video-Chats und Online–Konferenzen. Das ist und wird noch eine ganze Weile sein die große Stunde der Web-Tagebücher (Blogs) und der E-Mails – und vor allem der persönlichen, autobiographischen Notizen. Ein „Corona-Blog“* oder ein „Krisen-Tagebuch“ zeigen in den quälend langen Tagen, die nun zu Wochen und Monate werden, vielen Menschen, wie wichtig das Schreiben ist:
* Meinen eigenen Corona-Blog finden Sie auf unserer Website unter CAN-Blog

° Den einen, die dieses „Wunder-Werkzeug“ schon lange geschätzt haben, eröffnen sich neue Möglichkeiten, Chancen und Notwendigkeiten,
° den anderen, die im Home-Office auf sich selbst zurückgeworfen werden, erschließt sich vielleicht eine völlig neue geistige Welt – die sie nach Ende des Shut-down als eigene Schreib-Projekte weiter pflegen werden.
Wer da erst einmal Blut – nein: Tinte geleckt hat, kann das Schreiben dann meist nicht mehr lassen. Es ist dann bald beinahe so wichtig wie

° Atmen (gerade mal drei Minuten kommt man ohne aus);
° Trinken (drei Tage kommt man unbeschadet ohne aus);
° Schlafen und Träumen (etwa eine Woche kann man das notfalls ohne aushalten, dann wird man zunehmend geistig verwirrt und schließlich sogar richtig krank);
° Essen (Fasten nennt sich das, wenn man freiwillig auf feste Nahrung verzichtet, Hungern – das ist etwas anders – ebenso der politisch motivierte Hungerstreik. Diesen Verzicht hält man locker eine Woche und länger aus – ich habe es mal 20 Tage lange problemlos geschafft.)
° Auf das Schreiben kann man sicher ein Leben lang verzichten, wie viele Analphabeten beweisen. Aber wer das Schreiben als vielseitiges geistiges Instrument erst einmal für sich entdeckt hat, kommt nur noch schwer ohne aus. Denn es ist wirklich ein Werkzeug, das so Wesentliches wie Konzentration, geistige Klarheit, seelische Entlastung und hilfreiche Entschleunigung bewirken kann – ein echtes „Wunder-Werkzeug“.

Und nun zum vierten Teil der „Filme rund ums Schreiben“. Ich führe dabei Filme an, die sich mit ganz speziellen Aspekten des Schreibens befassen. Wenn dieses Instrument tatsächlich einmal plötzlich fehlen würde (s. oben „Virus“) – wie sähe dann unsere Welt aus? Was wäre zum Beispiel, wenn keine Tagebücher mehr geführt würden?

Filme rund ums Tagebuchschreiben

Charly ist die Geschichte eines geistig nicht sehr hellen jungen Mannes, der dank eines wissenschaftlichen Experiments zum Genie hochgepuscht wird. Leider muss er irgendwann feststellen, dass ein paralleles Experiment mit einer Maus namens Algernon bald seine eigene Zukunft vorwegnimmt – dass nämlich diese künstliche Höchstleistung wieder verlorengeht und er in seine frühere dumpfe Welt zurücksinken muss. Daniel Keyes, der Autor des Romans Flowers for Algernon, verwendet den Kunstgriff, Charly ein Tagebuch führen zu lassen, in dem er selbst seine tragische Karriere festhält. Das beginnt mit der stotternden, fehlerhaften Diktion eines Erstklässlers, schwingt sich zu genialen Höchstleistungen auf – und zerfällt wieder.

Match Point ist ein sehr sehenswerter, kunstvoll gestrickter Krimi über einen karrieregeilen Mann, der buchstäblich über (eine) Leiche geht. Pech nur, dass sein Opfer Tagebuch führte und so der Polizei den Weg zum Verbrecher weist. Aber der Film wäre nicht von Woody Allen, wenn er nicht am Schluss eine überraschende Wendung herbeiführen würde – die hier nicht verraten werden soll.

Auch in Die Brücken am Fluss (mit Clint Eastwood und Meryl Streep) spielt ein Tagebuch eine Rolle. Die weibliche Hauptfigur (gespielt von Meryl Streep) hat in ihrem Testament bestimmt, dass ihre Asche an einer der Brücken (die dem Film den Titel geben) verstreut werden soll. Zur Verwunderung und zunächst zum Ärger ihrer Kinder stellt sich heraus, dass auch die Asche eines fremden Fotografen (Clint Eastwood) eben an derselben Stelle ihre letzte Ruhe finden soll. Erst das Tagebuch enthüllt den Kindern die heimliche Liebesgeschichte der beiden.

Schtonk spielt mit der Idee, dass Adolf Hitler Tagebücher geschrieben haben könnte, die ihn überlebten. Dieser Film basiert auf der wahren Geschichte des Betrugs, den ein übereifriger Journalist, die auflagensüchtige Redaktion des Stern-Magazins und ein gewiefter Fälscher (Konrad Kujau) 1983 der Welt als Super-Sensation präsentierten. Eine der großartigsten Komödien der Gegenwart (von Regisseur und Ko-Drehbuchautor Helmut Dietl) – bei der einem irgendwann aber das Gruseln kommt, wenn man sie vor dem heute zu beobachtenden Wiedererwachen rechtsradikaler und hitlerbesoffener Ewiggestriger sieht, die nichts begriffen haben und vor allem nichts gelernt haben aus einem Krieg mit 55 Millionen Toten und dem Grauen des Holocaust.

Hitler hat zwar keine Tagebücher hinterlassen – aber ist sein Bestseller Mein Kampf nicht letztlich ein wild hin und her mäanderndes „Tagebuch“ seiner kruden Gedanken über die jüdische Weltverschwörung und alles Mögliche andere, was er sich mit seiner Halbbildung über die Welt zusammengereimt hat – und über die Rolle, die für ihn, der Atheisten, von der „Vorsehung“ darin angeblich vorgesehen war. Im Film Hitler, der Aufstieg des Bösen spielt das Schreiben von Mein Kampf während der Festungshaft in Landsberg eine zentrale Rolle.
(Wie hätte sich Deutschland entwickelt, wie sähe die Welt wohl heute aus, wenn Hitler dieses Buch nie geschrieben hätte? Schöner Plot für einen Science-Fiction-Roman der Variante „Alternate History“ über eine Parallelwelt.)

Ganz futuristisch wird das Tagebuchschreiben in der SF-Serie Babylon 5. Dort diktiert der Kommandant dieser Raumstation im Jahr 2257 einer Künstlichen Intelligenz ins Bord-Logbuch, was er für die Nachwelt festhalten möchte.
J. Michael Straczynski, der Drehbuchautor dieser Serie mit 110 Folgen, hat mit dieser bildgewaltigen Weltraumsaga nicht nur die von viel mehr Fans gelobte Star Trek-Serie übertroffen, sondern auch das doch recht märchenhaft schlichte Universum von Krieg der Sterne weit hinter sich gelassen. Er schaffte dies, weil er einen einzigartigen Handlungsbogen über sämtliche Folgen schuf, der nicht nur eine Abfolge von lose verknüpften Episoden ist, sondern in dem sich einzelne Figuren und ganze Menschheiten entwickeln, auf ihren Heimatwelten und im Verlauf von gewaltigen Kriegen milchstraßenweit aufsteigen und untergehen.
Dadurch wurde Straczynski sogar zum Vorbild und Trendsetter eine modernen Art von Fernsehserien mit etwas, das man den „Roman im Fernsehen“ genannt hat. Das bezeugt ausdrücklich der Schöpfer des später entstandenen Drogen-Epos Breaking Bad, Vince Gilligan, der Babylon 5im 12. Teil der 5. Staffel respektvoll zitiert.
Eines seiner Drehbücher (zu der Episode „The Coming of Shadows“) hat Straczynski in einem Ratgeber für Drehbuchautoren abgedruckt: The Complete Boof of Scriptwriting. Man kann ihm hier gewissermaßen „über die Schulter schauen“, wie er seine im vorderen Teil des Buches theoetisch behandelten Ratschläge praktisch umsetzt.

Nicht zuletzt mit der Lüsternheit neugieriger Spießbürger und dem angeblichen „Blick durchs Schlüsselloch“ spielt schon im Titel ein mehrfach verfilmter Roman von Octave Mirbeau aus dem Jahr 1900 – zuletzt in den Kinos 2015: Tagebuch einer Kammerzofe

Eine ganz andere Art von Tagebuch, und heute keineswegs mehr futuristisch, ist der Blog – das WebLog, ein öffentliches Internet-Tagebuch. Im Film Best Exotic Marigold Hotel versucht eine Reihe englischer Senioren sich in einem indischen Hotel einzuleben – was nicht ganz einfach ist, weil die Herberge zwar sehr preisgünstig ist (und die meisten Gäste finanzielle Schwierigkeiten haben), aber das Hotel sich noch in einem sehr verlotterten Zustand befindet. Evelyn (Judy Dench) berichtet in ihrem Blog immer wieder, was gerade passiert und verleiht damit dem eigentlich recht altmodischen Treiben einen sehr modernen Touch.

Herbstmilch wurde sehr erfolgreich verfilmt nach den Tagebüchern der jungen Bäuerin Anna Wimschneider, die ihr mühsames Leben auf einem Bauernhof unter der Fuchtel ihrer tyrannischen Schwiegermutter notiert hat.

Vermutlich eine Erfindung sind die Notizen von Kanes Mutter, aus denen Orson Welles den Film Citizen Kane entwickelt hat:
„Aus Tagebüchern erfährt man, dass Kanes Mutter Mary 1871 unerwartet zu Reichtum kam, nachdem ein säumiger Schuldner ihr ein Bergwerk überschrieben hatte, das sich später als Goldmine entpuppte.“ (Wikipedia).
Der Medienzar Randolph Hearst hingegen ist eine historische Figur. Er hat sich gegen Welles´ Interpretation seines Lebens mit Händen und Füßen und der ganzen Macht seines Presse-Imperiums gewehrt hat. Citizen Kane wurde dennoch eines der Lichtspiele, das unzählige Regisseure und Kritiker zu den „besten der Filmgeschichte“ zählen, obwohl es keines der qietschbunten modernen Stücke in Cinemascope ist, sondern ein schlichter Schwarz-weiß-Film – altmodisch, könnte man meinen, aber von seinem Narrativ her absolut modern.

Nicht um das übliche Tagebuch, sondern um das Notizbuch eines Polizeikommissars geht es in einigen Episoden der Serie Babylon Berlin. Als die von ihm beobachteten Kriminellen dies bemerken, ermorden sie ihn – was wiederum seinen Kollegen Gereon Rath (Volker Bruch), die eigentliche Hauptfigur, auf die Spur ganz übler Strippenzieher bis ins eigene Kommissariat führt und ebenfalls ins Lebensgefahr.

 

Formeln für Gift und andere chemische Gemeinheiten

Was die bösartige, im Gesicht entstellte Chemikerin in ihr Werkbuch notiert ist auch nicht ohne. Es wird Tausende Soldaten und Zivilisten gegen Ende des Ersten Weltkriegs mittels Giftgas in den Tod treiben.
Die Aufzeichnungen im Notizbuch der genialen, aber zutiefst bösartigen Chemikerin Dr. Isabel Maru, genannt „Dr. Poison“, sind der Dreh- und Angelpunkt des Plots um den amerikanischen Piloten und Spion Steve Trevor, der zu Beginn des Films  in der Türkei dieses Notizbuch aus einem Versuchslabor stiehlt und damit die Geschichte ins Rollen bringt. Doch die eigentliche Hauptfigur ist sehr ungewöhnlich im Universum der amerikanischen Superhelden: Eine Frau und noch dazu aus der griechischen Antike: Wonder Woman.
Das ist eigentlich ein sehr deprimierender Kriegs-Film – aber diese Gal Gadot (im realen Leben eine kampferprobte israelische Soldatin) mit ihrem Amazonen-Mythos ist einfach ein sensationeller Hin- und Zugucker.

Ein ganz anderer Chemiker in einer ganz anderen Zeit, nämlich der Gegenwart, ist Walter White. Seine Krebserkrankung lässt den schlecht versicherten Lehrer zum Kocher von Crystal Meth und zum Händler dieser schrecklichen Rauschdroge werden. Die großartige Serie Breaking Bad bezieht ihre ganze Wucht aus den chemischen Formeln, die White den völlig uninteressierten Schülern seiner Klasse an die Tafel malt. Na, dann eben nicht, denkt er irgendwann – mit dem Wissen über Chemie kann man ja auch etwas Sinnvolleres tun.
In einer immer wilderen Folge von Episoden entfaltet sich seine Karriere als brillanter Wissenschaftler – der mit seinem Spezialkenntnissen endlich richtig Geld verdient.
Diese Serie wird zu Recht als eines der innovativsten und intelligentesten Fernsehprodukte der Gegenwart gerühmt wird. Sie wurde zum Modell für viele folgende Serien – weil da nicht nur spannende Unterhaltung aus dem Drogenmilieu geboten ist, sondern eine Verbrecherkarriere entwickelt wird, die man gut nachvollziehen und deren Protagonisten man in seinen Motiven verstehen kann – auch wenn er immer bösartiger agiert. Wer hätte kein Mitleid mit einem Krebskranken?

Ebenfalls reine Fiktion ist die Episode 5 von Staffel 1 der Serie um „Miss Fishers mysteriöse Morde“. In Tod durch Gift geht es u.a.um die chemische Formel für Kautschuk, althebräische Schrift, unsichtbare Tinte und Rätselhaftes aus der Kabbala. Mittendrin, sehr sexy bis frivol und äußerst selbstbewusst, die Privatdetektivin Phryne Fisher während der „Roaring Twenties“ in Australien.


Vom Tagebuch zur Autobiografie

Die letzte Station in Giacomo Casanovas variantenreichem Liebesleben ist die Stelle als Bibliothekar des Grafen Waldstein auf Schloss Dux in Böhmen. Der Held erinnert sich hier schreibend seines Lebens. Er selbst erscheint der Grafschaft als verstaubtes Relikt einer vergangenen Epoche.
Federico Fellini war so narzisstisch, sein eigenes Leben als Regisseur im Titel seines Werks mit der Vita seines Filmhelden zu verbinden („ein Schelm, wer Böses denkt“): Fellinis Casanova.

Fast so etwas wie ein Gegenmodell zu Casanovas Leben ist das Schicksal der Lou Andreas-Salomé, das die Regisseurin Cordula Kablitz-Post einfühlsam aus den Briefen und Gedichten der Lou rekonstruiert. Die hochbegabte und schon früh nach weiblicher Selbstbestimmung strebende, dabei sehr streitbare und selbstbewusste Frau war eine von Sigmund Freuds frühen Mitstreiterinnen. Sie hatte eine wilde Affaire, eine richtige Ménage-à-trois, mit dem viel jüngeren Rainer Maria Rilke und parallel dazu mit Friedrich Nietzsche.
Auch in diesem Film wird viel geschrieben. Einmal, als die Nazis 1933 bereits im Anmarsch sind, sagt die Jüdin Lou zu ihrem Mann: „Ich werde an Tolstoi schreiben“ (um dort eventuell eine Zuflucht in Sankt Petersburg zu finden). Doch dazu kommt es nicht; Rettung findet sie in der Schweiz.
Sehr ästhetisch sind die im Film gezeigten Gedichte, die mit Stahlfeder von Hand geschriebenen werden. Außerdem arbeitet Lou im Film an ihrer Autobiographie, natürlich zeitgemäß ebenfalls mit der Hand.

Ganz andere, zudem rein fiktive Memoiren schreibt Miles Kendig in Agentenpoker: Eine spannende, höchst unterhaltsame Agenten-Satire mit Walter Matthau als alterndem Agenten, der „die Schnauze voll hat“ von seinem ohnehin recht fragwürdigen Beruf und sich deshalb seinen Frust von der Seele schreibt. Doch damit nicht zufrieden, will er sich agentenmäßig auch gleich richtig an seinem arroganten Vorgesetzten und überhaupt am ganzen Agentenmilieu rächen, und zwar so (Zitat Wikipedia):
Nach 20 Jahren als CIA-Agent im Außendienst soll Miles Kendig ins Archiv versetzt werden. Doch der alte Hase lässt sich von seinem neuen Chef Myerson nicht so leicht abschieben. Statt sich um die alten Akten zu kümmern, verschwindet er, um in Salzburg die Zeit mit seiner Geliebten, der verwitweten, ehemaligen Geheimdienstmitarbeiterin Isobel von Schönenburg, zu genießen und ein Buch über die Machenschaften der Geheimdienste zu schreiben.
Kendig sendet den Text des ersten Kapitels an die wichtigsten Geheimdienste der Welt. Als die ersten Leseproben in Washington eintreffen, setzt der wütende Myerson die Agenten Cutter und Ross auf den Verräter an. Doch Kendig narrt seine Verfolger und lockt sie in einem Katz-und-Maus-Spiel um die ganze Welt – es geht von Österreich über die Schweiz und Frankreich zurück in die USA und über die Bermudas weiter nach London.

Schüler, Anwälte, Staatsanwälte, Steuerprüfer – alle müssen schreiben

In der Serie um Harry Potter gibt es viele Momente, in denen das Schreiben eine Rolle spielt – mal ganz abgesehen davon, dass auch im Internat Hogwarts jede Menge für die Schule gekritzelt werden muss, inklusive Prüfungsarbeiten. Aber diese beiden speziellen Episoden haben es in sich:
° Da ist zum einen das Tagebuch von Lord Voldemort, das dieser als junger Tom Riddle verfasst hat. Harry zerstört in Teil 2 der Serie, Harry Potter und die Kammer des Schreckens, dieses Büchlein, in dem ein Teil von Voldemort (als Horkrux) konserviert war und mit dessen Hilfe Voldemort andere beeinflussen konnte.
° Und da ist zum anderen die bösartige Folter-Feder, mit der in Teil 5, Harry Potter und der Orden des Phönix, die maliziöse Dolores Umbridge den armen Harry maltraitiert – denn diese buchstäblich verfluchte Feder ritzt den Satz, den er immer wieder zur Strafe für seine Widerborstigkeit schreiben soll, auch in die Haut seiner Hand ein.

Aber nicht nur in der Schule und in Tagebüchern wird fleißig notiert. Rechtsanwälte und Staatsanwälte müssen ihre juristischen Plädoyers ebenfalls schriftlich niederlegen. Im Labyrinth des Schweigens muss sich der junge Staatsanwalt Johann Radmann zurechtfinden, der die Untaten der Judenvernichter des Dritten Reichs aufdecken will – gegen die massiven Widerstände von Nazi-Juristen, die in den 50er Jahren immer noch im Amt waren, und Politikern, die mit ihnen kollaborierten. Ohne Radmanns frustrierenden, aber nicht aufgebenden Elan wäre es wohl nie zu den Auschwitz-Prozessen der 50er Jahre gekommen. Sehr geholfen hat ihm dabei der Staatsanwalt Fritz Bauer, über den es eine ganze Reihe von Filmen gibt; sehr sehenswert davon Der Staat gegen Fritz Bauer.

Wie das mit der Gerechtigkeit im Rechtswesen der USA aussehen kann, erfährt man in Erin Brockovich. Darin deckt die ehrgeizige und sehr begabte, aber auch sehr forsche Anwaltsgehilfin dieses Namens (gespielt von Julia Roberts) einen riesigen Umweltskandal auf und verhilft mit zäher Kleinarbeit und kleveren Plädoyers vielen Betroffenen zu ihrem Recht. Dem Drehbuch diente eine wahre Geschichte als Vorlage.

Auch in Secretary geht es um Schriften eines Anwalts. Aber nicht der ist die Hauptfigur, sondern sein „fleißiges Lieschen“ Lee Holloway (Maggie Gyllenhaal), die sich nur zu gerne auf die sich entwickelnden Sado-Maso-Spielchen mit ihrem angebeteten Chef einlässt – um ihm am Schluss, als er sie endlich geheiratet hat, zu zeigen, wer der wahre Boss ist. Ein Film, der sicher nicht nach jederfrau Geschmack ist – aber in seiner bizarren Offenheit doch ein großer Spaß.

Dieselbe Maggie Gyllenhaal spielt ebenfalls eine tragende Rolle in einem Film, den ich in Teil 3 dieser Serie in einem ganz anderen Zusammenhang bereits erwähnt habe: Dort diente mir Schräger als Fiktion als Beispiel für die Schreibblockade einer Autorin. Aber in diesem Film geht es auch um eine viel banalere Art des Schreibens: Der biedere Steuerprüfer Harold Crick soll die aufmüpfigen Cookie-Bäckerin Ana Pascal (hinreißend gespielt von Gyllenhaal) auf die Finger schauen resp. in deren Belege – was der überhaupt nicht passt (während ihr gar nicht so unrecht ist, dass Crick sehr gebannt auch auf ihre „Titten“ schaut, womit sie ihn burschikos und genau mit diesem Wort konfrontiert). Schließlich hat sie ihn so weit, dass er sich in sie verliebt und ihre Belege sortiert und einen gute Trick zum Steuersparen zeigt.
Hat ja auch viel mit Schreiben zu tun: Buchführung. 

Im nächsten und abschließenden Teil diese Serie geht es um Filme, in denen das Schreiben noch ganz andere überraschende und ungewohnte Rollen spielt. Ich nenne ihn deshalb „Überraschungseier“.

Diese meine Serie über „Filme rund ums Schreiben“ ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie ein Thema sich selbständig machen kann, bis es kaum mehr zu bändigen ist. Ursprünglich hatte ich drei Folgen geplant. Aber dann kam immer neues Material dazu, auch von Lesern dieses Newsletters. Und jetzt sind es eben fünf Teile geworden.

Details zu den oben erwähnten Filmen finden Sie anschließend in der komprimierten Filmographie.
Eine umfangreiche Tabelle, in der sämtliche Filme aus allen fünf Teilen detailliert erfasst sind, gibt den Drehbuchautoren die gebührende Ehre: Sie ist in alphabetischer Reihenfolge nach ihren Namen angeordnet.
Sie finden diese Liste auf unserer Website unter Filme rund ums Schreiben 6: Gesamt-Filmographie .

 

Filmographie

(alphabetisch nach Filmtiteln)

Neame, Ronald (Regie): Agentenpoker. USA 1980.
Compton, Richard (Regie): Babylon 5  . USA 1993 ff.
Tykwer, Tom & Achim von Borries & Hendrik Handloegten (Regie): Babylon Berlin. Deutschland 2017 ff.
Madden, John (Regie): Best Exotic Marigold Hotel. Great Britain 2011.
Ne Gilligan, Vince (Regie): Breaking Bad. USA 2008 bis 2013.
Nelson, Ralph (Regie): Charly (Flowers for Algernnon) – nach dem Roman: Keyes, Daniel: Flowers for Algernon. (1959 / 1966)
    Deutsche Übersetzung München 1970 (Nymphenburger).
Welles, Orson (Regie): Citizen Kane. USA 1941 (RKO).
Kraume, Lars  (Regie): Der Staat gegen Fritz Bauer ). Deutschland 2015.
Eastwood, Clint (Regie): Die Brücken am Fluss. USA 1995 (Amblin / Warner).
Soderbergh, Steven (Regie): Erin Brockovich. USA 2000.
Felini, Federico (Regie): Fellinis Casanova. Italien 1976.
Columbus, Chris (Regie): Harry Potter 2 … und die Kammer des Scheckens (… Chamber of Secrets). USA 2003 (Warner Bros.)
Newell, Mike (Regie): Harry Potter 5 … und der Orden des Phönix. USA 2007 (Warner Bros.).
Vilsmaier, Joseph (Regie): Herbstmilch. Deutschland 1989.
Duguay, Christian (Regie): Hitler – Aufstieg des Bösen (Hitler – The Rise of Evil). Canada_ USA 2003.
Ricciarelli, Giulio (Regie): Im Labyrinth des Schweigens (Labyrinth of Lies). Deutschland 2014.
Kablitz-Post, Cordula (Regie): Lou Andreas-Salomé. Deutschland / Österreich 2016.
Allen, Woody (Regie): Match Point. USA 2005.
diverse Regisseure: Miss Fishers mysteriöse Mordfälle Staffel 1 / Nr. 5: Tod durch Gift. Australien 2012.
Forster, Marc (Regie): Schräger als Fiktion (Stranger than Fiction). USA 2006 (Paramount).
Dietl, Helmut (Regie): Schtonk. Deutschland 1995 (Bavaria).
Shainberg, Steven (Regie): Secretary. USA 2002 (Lions Gate).
Jacquot, Benoit (Regie): Tagebuch einer Kammerzofe. Frankreich 2015.
Gunn, James (Regie). Wonder Woman. USA 2017  (Warner Brothers)
anon (Regie): Zukunft ohne Menschen. USA 2008 bis 2009. (History / Servus TV / n24). 

 

Bibliographie

Scheidt, Jürgen vom: Kreatives Schreiben. (Frankfurt am Main 1989) Überarbeitete und ergänzte Neuausgabe München 2006 (Allitera), S. 14.
Straczynski, J. Michael: The complete Book of Scriptwriting. Cincinnati 1996 (Writer´s Digest Books).

28. Mai 2020 / 09:25