Ablehnungen (Rotten Rejections)

 

„Better late – than never!“

 

Vorab: Mein Dank gilt dem Autor Andre Bernard, der vor bald dreißig Jahren in dem kleinen Kompendium Rotten Rejections erstmals die Idee hatte, solche „Ablehnungen“ von Büchern zu sammeln, die später doch noch den Durchbruch schafften. (New York 1990, Pushcart Press).
Daraus entstand eine eigene Hängemappe, in der ich solche Beispiele sammelte – und es sind nicht wenige.

14. Januar 2019

Lawrence Kasdans erste Drehbuch für „Bodyguard“ wurde fast siebzig Mal abgelehnt

Kasdan hat den Drehbüchern der beiden ersten Star Wars-Filme von George Lucas und Indiana Jones“ von Steven Spielberg zum späteren Welterfolg verholfen. Mit eigenen Projekten hatte er zunächst Pech: Sein Drehbuch zu „Bodyguard“ wurde fast siebzig Mal abgelehnt – bis Kevin Kostner seine Qualitäten entdeckte und mit ihm selbst in der Hauptrolle dem Film zu großem Erfolg verhalf.
(Göttler, Fritz: „Der Einzelgänger und die Blockbuster“. In: Südd. Zeitung vom 14. Jan 2019.)

30. Juni 2018

Stanley Kubricks 2001 war zunächst ein Flop:

„Die Leute sind reihenweise während der Vorführung aus den Kinos gestürmt, viele Kritiken waren vernichtend. Der Film war so irritierend anders, dass er erst einmal einen Schock bei den Zuschauern ausgelöst hat. Dann hat sich aber recht schnell herumgesprochen, was für ein irrer Trip das ist. Und am Ende war er der kommerziell erfolgreichste Film des Jahres [1968].“ (Nolan 2018)
Nolan, Christopher (interviewt durch Steinitz, David): „Der Film mit dem Hamsterrad [Kubricks 2001]“. In: SZ Nr. 113 vom 18. Mai 2018, S. 12.)

16. Januar 2010

Daniel „Robinson Crusoe“ Defoe

Am Anfang des Jahres feierte Daniel Defoe seinen 350. Geburtstag (ein genaueres Geburtsdatum als Januar 1660 ist nicht bekannt – hingegen das Todesdatum April 1731 in London) – der Autor des weltberühmten Romans über den Schiffbrüchigen Robinson Crusoe.
Allerdings war er mit diesem Erfolg ein typischer Spätzünder – denn zuvor übte er allerhand andere Tätigkeiten aus: Händler für Anchovis und Strümpfe, Fabrikant von Ziegeln, Journalist und sogar Geheimagent. Seine spitze Feder brachte ihn ins Gefängnis und an den Pranger: Manche seiner Zeitgenossen mochten seine Streitschriften und politischen Pamphlete überhaupt nicht. Als dann der Roman erschien, rümpften die Kollegen im literarischen Gewerbe nur die Nase. Jonathan Swift hatte in anderem Zusammenhang dieses Bonmot zum Besten gegeben:
„Taucht ein Genie auf, verbrüdern sich die Dummköpfe.“

Als der später (von anderen) zum „literarischen Genie“ verklärte Daniel Defoe die Bühne der Weltliteratur betrat, hatte Swift nur eitlen Spott übrig, denn er schrieb 1708: „Einer dieser Autoren (der Bursche, den sie an den Pranger gestellt haben, seinen Namen habe ich vergessen), dieser gravitätische, salbungsvolle, dogmatische Galgenstrick, der nicht zu ertragen ist…“
Andere Zeitgenossen ereiferten sich nicht weniger abfällig, allen voran der berühmte Alexander Pope.

5. Okt 2008

Ein weiteres Beispiel aus der Welt des Kinos

Eine der groteskesten Fehleinschätzungen gelang der US-amerikanischen Edel-Postille The New Yorker 1977 mit dieser Kritik:
„Comicstrip-Figuren, eine abstruse Geschichte, miese Schauspieler, groteske Dialoge und eine lachhaft simple Moral.“
Gemeint war der damals gerade anlaufende erste Teil der utopischen Film-Serie Krieg der Sterne von George Lucas.
Weder die Zuschauer noch die Kollegen von der Filmbranche ließen sich beirren: Der (erste) Film wurde zu einem der überraschendsten und vor allem größten Kino-Hits aller Zeiten. Die ganze Serie übertrifft sicher alles andere, was bisher auf die Leinwände kam – zumindest was den kommerziellen Erfolg angeht, aber eben auch die Beliebtheit bei den Zuschauern. Da können weder Der Herr der Ringe noch Harry Potter mithalten, die beiden anderen Serien mit ähnlichem Erfolg.
Ohne Frage hatte der Kritiker vom The New Yorker recht: Unter cineastischen Gesichtspunkten ist Krieg der Sterne ein sehr schlicht gestricktes Machwerk. Aber, und das zählt eben auch: die Zuschauer mochten es und mögen es noch immer. Und die Kollegen von George Lucas im Gremium der Academy Awards schätzten dieses Machwerk ganz offensichtlich ebenfalls: Sie belohnten es mit nicht weniger als sechs Oscars!
Und nicht zu vergessen: Dem US-Präsidenten Ronald Reagan (übrigens ein ehemaliger Schauspieler) gefiel schon der Titel so gut, dass er eine gewaltige neue Abschreckungs-Aufrüstungs-Maschinerie als die „Star Wars-Strategie bezeichnete.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

 

18. Mai 2004

Michael Moores Stupid White Men wurde von 33 deutschen Verlagen abgelehnt

Erst der Piper-Verlag machte daraus auch in Deutschland einen Gigaseller – wie der Verlagsleiter Wolfgang Ferchl anlässlich des 100. Geburtstag des Verlags mitteilte.
(Ferchl, Wolfgang – interviewt von Weber, Antje: „Die Kunst, die Ware und das Glück“. In: Südd. Zeitung vom 18. Mai 2004)

 

Inhalt dieses Kapitels
0. Neueste Funde: Rowlings „Harry Potter“ / Asimovs „Ich der Robot“
1. Einige Beispiele aus „Rotten Rejections“ seien vorab zitiert
2. Robert Musil: „Der Mann ohne Eigenschaften“ – und der Autor ohne Erfolg
3. Verdammte Zurückweisungen! (nach Autorennamen geordnet)
_Bibliographie


Für gewöhnlich werden erfolgreiche Künstler, Schriftsteller, Musiker, Wissenschaftler in das aufgenommen, was man im deutschen Kaiserreich beispielsweise als Ruhmeshalle bezeichnete (z.B. die Walhalla bei Regensburg) und heute, amerikanisierend, gerne Hall of Fame nennt. Aber es gibt auch die anderen, die zu Lebzeiten alles andere als berühmt waren oder ihren Erfolg erst sehr spät erlebten – eine Halle des späten Ruhms gewissermaßen.

Rotten Reviews and Rejections nennen Bill Henderson und André Bernard ihre Sammlung

° von Absagen, die – zum Teil sehr prominente – Autoren von potenziellen Verlegern erhalten haben

° und von Verrissen veröffentlichter Bücher durch scharfzüngige Kritiker.

Heinrich Bölls frühen Roman Der Engel schwieg wollte niemand drucken und auch sonst interessierte sich zunächst niemand für seine Erzählungen.
Nietzsche ging es mit seinem Zarathustra ebenso wie Kafka und Brecht mit ihren Erstlings-Werken.
Art Spiegelmanns Maus war erst einmal indiskutabel: ein Comic über die KZ-Verbrechen der Nazi! Wurde aber dann ein Riesenerfolg (zit. n.  Schiffrin, „Verlage ohne Verleger – S. 100)
Und obwohl Erich Maria Remarque mit Im Westen nichts Neues schon lange vorher einen weltweiten Hit gelandet hatte, wollte seinen späteren KZ-Roman Der Funke Leben kein Verlag drucken.

 

1. Jan 2008

Rowlings „Harry Potter“ / Asimovs „Ich der Robot“

Ende 2007 hat der Internet-Buchhändler <em>Amazona/em> für schlappe 2,7 Millionen €uro das in nur sieben Exemplaren veröffentlichte Bändchen The Tales of Beedle the Bard von Joanne K. Rowling ersteigert – eine Ergänzung ihrer Heptalogie um Harry Potter.

Aber genauso sensationell ist, dass ein gut erhaltenes Exemplar des ersten Bandes der HP-Reihe soeben beim texanischen Auktionshaus Heritage Auction für sage und schreibe 33.460 (!) Dollar versteigert wurde (Simon 2007). Denn man höre und staune: Im Jahr 1997 druckte Bloomsbury hasenherzig eine Startauflage von gerade mal 300 Exemplaren! Kein Wunder, daß dieses Rarissimum bei Sammlern (mit genügend Kleingeld) extrem begehrt ist.

Wesentlich günstiger sind gepflegte Exemplare der deutschen Erstausgabe von Isaac Asimovs SF-Sammlung mit Rahmenhandlung I Robot. Sie erschien 1952 mit dem Titel Ich der Robot im Rauch-Verlag zu Düsseldorf in gerade mal 900 Exemplaren (Quelle: [link:#556]Rainer Eisfeld: „Die Zukunft in der Tasche“[/link], S. 31).
Beim Internet-Antiquariat abebooks.de wird zur Zeit (Jan 2008) gerade mal ein Exemplar angeboten – für stolze 172,50 €uro (ursprünglicher Preis: ca. 12 Deutsche Mark).
(Ich hab so ein Exemplar – aber ich gebe es nicht her.)

1. Einige Beispiele aus Rotten Rejections seien vorab zitiert

– ehe ich mich eigenen Funden zuwende:

° Allen Ginsbergs inzwischen weltberühmtes Gedicht The Howl wurde vom amerikanischen Rezensenten John Holland in Grund und Boden verdammt.

° Kollege Edmund Wilson ließ kein gutes Haar an W.H. Auden.

° Samuel Pepys disqualifizierte den Sommernachtstraum seines Zeitgenossen William Shakespeare (ja – eben dieser) als „lächerlich“.

° Ernest Hemingways Wem die Stunde schlägt wurde ebenso dem Orkus der literarischen Welt übergeben wie
° Alice im Wunderland von Lewis Carroll,
° Moby Dick von Hermann Melville und
° John Miltons Paradise lost .
Und von
° Honoré Balzac und
° Samuel Beckett schmähte mancher Kritiker gleich das Gesamtwerk.

Die Sammlung von Henderson und Bernard (über amazon.com jederzeit lieferbar) mit haarsträubend vielen Beispielen dieses Kalibers sollte in keiner Bibliothek eines Autors-in-spe fehlen. Denn sie macht Mut in den dunklen Stunden, wenn in der Post eine Absage der anderen folgt. „Ich bin nicht der einzige, dem es so ergeht“, kann man sich dann trösten, „auch aus meinem Manuskript kann irgendwann ein erfolgreiches Buch werden“.

Ich folge der Anregung dieser Kollegen (denen ich mit ihrem die Augen öffnenden Buch einen möglichst frühen Erfolg wünsche!) und sammle auf dieser Verzweigung Beispiele, die ihnen – bisher – entgangen sind, speziell weil sie nicht aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum stammen, sondern aus dem deutschen.

23. Nov 2006

2. Robert Musil: „Der Mann ohne Eigenschaften“ – und der Autor ohne Erfolg

„Als ich fertig war [mit dem Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törless], wurde mir das Manuskript von mehreren Verlagen mit Dank zurückgestellt und abgelehnt. Darunter von Diederichs-Jena…“ (Robert Musil, Drei Frauen , S. 129 – „Skizzen zu einer Autobiographie“, 1937)
Dieses Buch begründete Musils Ruhm und hat inzwischen sicher weit über 100.000 Auflage erreicht. Zum Vergleich: von Musils Drei Frauen (erstmals ersch. 1924) wurden schon bis 1966 als Rowohlt-TB 169.-178. Tsd verkauft.
Als der Autor 1942 arm und völlig unbeachtet in Genf starb, nahm dies kaum jemand zur Kenntnis. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt und war nur dem enormen Einsatz des Verlegers Rowohlt und seines Verlages zu verdanken, bis Musil posthum die Anerkennung fand, die ihm heute zugestanden wird: einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zu sein. Dies speziell wegen seines unvollendeten 1000-Seiten-Wälzers Der Mann ohne Eigenschaften (den kaum jemand gelesen haben dürfte), aber vor allem auch wegen des – viel gelesenen – … Törless .

3. Verdammte Zurückweisungen! (nach Autorennamen geordnet)

Wie gesagt, bei so manchem Manuskript, das später zum Bestseller wurde, hatte der Autor Mühe, einen Verlag zu finden. Ich will in dieser Kolumne zusammentragen, was ich selbst entdeckt und die beiden Amerikaner (noch) nicht registriert haben (Ergänzungen sind jederzeit willkommen!).

Hier also meine Liste, alphabetisch nach Autorennamen geordnete:

Asimov, Isaac
In den USA verkauften sich Asimovs SF-Romane immer schon gut. Aber als seine SF-Sammlung mit Rahmenhandlung I Robot 1952 mit dem Titel Ich der Robot im Rauch-Verlag zu Düsseldorf veröffentlicht wurde, erstanden die Leser gerade mal 900 Exemplare (Quelle: [link:#556]Rainer Eisfeld: „Die Zukunft in der Tasche“[/link], S. 31) – und der Verlag ging an diesem Projekt und den drei anderen Titeln der damals mutig gestarteten Reihe Rauchs Weltraumbücher beinahe Pleite.
Beim Internet-Antiquariat abebooks.de wird zur Zeit (Jan 2008) gerade mal ein Exemplar dieser gebundenen Ausgabe angeboten – für stolze 172,50 €uro (ursprünglicher Preis: ca. 12 Deutsche Mark).

Böll, Heinrich
Bölls frühen Roman Der Engel schwieg wollte niemand drucken und auch sonst interessierte sich zunächst niemand für seine Erzählungen. Hans Werner Richter hat in seinem Erinnerungsbuch über die <i<Gruppe 47 im Böll-Kapitel beschrieben, wie frustrierend Bölls Antichambrieren bei den Münchner Verlagen ablief. Erst mit dem Nobelpreis wurde das dann anders. Der Engel schwieg fand erst vier Jahrzehnte später einen Verlag. (Richter 1986, S. 63, Bittner S. 83)

Däniken, Erich von
Man mag die Inhalte von Erich von Dänikens „Erinnerungen an die Zukunft“ und seiner folgenden Bücher mit Unglauben oder Skepsis ablehnen – Tatsache ist, dass dieser Autor mit ihnen gigantische Erfolge erzielt hat, mit bisher 25 Büchern, die in 30 Sprachen übersetzt wurden und (Stand Ende 2003) eine Gesamtauflage von 60 Millionen Weltauflage.
Aber als er sein erstes Manuskript Erinnerungen an die Zukunft dem Econ-Verlag anbot, war Verleger von Wehrenalp zunächst überhaupt nicht begeistert und machte kaum Werbung dafür. Der Absatz im ersten Jahr schien ihm zunächst Recht zu geben: gerade mal 4.000 Exemplare wurden verkauft. Doch dann zogen die Umsätze wie eine Rakete an, und der Rest ist Geschichte.

Daniel „Robinson Crusoe“ Defoe
Am Anfang des Jahres feierte Daniel Defoe seinen 350. Geburtstag (ein genaueres Geburtsdatum als Januar 1660 ist nicht bekannt – hingegen das Todesdatum April 1731 in London) – der Autor des weltberühmten Romans über den Schiffbrüchigen Robinson Crusoe.
Allerdings war er mit diesem Erfolg ein typischer Spätzünder – denn zuvor übte er allerhand andere Tätigkeiten aus: Händler für Anchovis und Strümpfe, Fabrikant von Ziegeln, Journalist und sogar Geheimagent. Seine spitze Feder brachte ihn ins Gefängnis und an den Pranger: Manche seiner Zeitgenossen mochten seine Streitschriften und politischen Pamphlete überhaupt nicht. Als dann der Roman erschien, rümpften die Kollegen im literarischen Gewerbe nur die Nase. Jonathan Swift hatte in anderem Zusammenhang dieses Bonmot zum Besten gegeben:
„Taucht ein Genie auf, verbrüdern sich die Dummköpfe.“

Als der später (von anderen) zum „literarischen Genie“ verklärte Daniel Defoe die Bühne der Weltliteratur betrat, hatte Swift nur eitlen Spott übrig, denn er schrieb 1708: „Einer dieser Autoren (der Bursche, den sie an den Pranger gestellt haben, seinen Namen habe ich vergessen), dieser gravitätische, salbungsvolle, dogmatische Galgenstrick, der nicht zu ertragen ist…“
Andere Zeitgenossen ereiferten sich nicht weniger abfällig, allen voran der berühmte Alexander Pope.

Freud, Sigmund
Der große Arzt und Psychologe, Erfinder der Psychoanalyse und Mit-Entdecker der Lokalanästhesie (deren segensreiche Wirkung noch heute jedem Patienten eines Zahnarztes die Schmerzen nimmt) musste zehn Jahre warten, bis die 800 Exemplare der ersten Auflage seines Buches Die Traumdeutung (1900 erstmals erschienen) verkauft waren. In dem Jahrhundert danach avancierte das Buch weltweit zu einem Bestseller mit etlichen Millionen Gesamtauflage.

Hammesfahr, Pertra
159 Absagen bekam, nach eigenen Angaben, die deutsche Krimi-Autorin Petra Hammesfahr; dann schaffte sie es endlich. Sie war 40, als sie mit einer Kurzgeschichte im Playboy den „Fuß in die Tür der literarischen Welt“ bekam. Bald darauf gelang ihr mit dem Roman Die Sünderin bei Rowohlt der Durchbruch.

Joyce, James
Und auch dieser weltberühmte Autor und kühne Erneuerer der Literatur gehört in unsere <i<Hall of Late Fame: James Joyce. Von den 379 im Jahr 1914 gedruckten Exemplaren seiner wunderbaren Sammung von 15 Kurzgeschichten Dubliners verkaufte Joyce – der sein Leben lang an der Grenze zur Armut lebte und arbeitete – 150 Exemplare selbst. Glücklich darf sich schätzen, wer heute noch ein Exemplar dieser Erstausgabe hat – sie dürfte Zehntausende von €uro wert sein!
Auch der Erfolg seines weltberühmten, lange als „pornographisch“ verfemten wichtigsten Werkes, des Romans Ulysses, ließ lange auf sich warten. In den USA war das Werk bis in die 60-er Jahre verboten. Aber heute dürften seine Nachkommen ausgesorgt haben – die Tantiemen seiner Bücher klimpern munter in die Kassen der Verlage und seiner Erben. Gerade erst (Sommer 2004) hat der Süddeutsche Verlag in seiner Bilbiothek das wunderbare Portrait des Künstlers als junger Mann in einer Auflage von sicher weit über 10.000 Exemplaren neu veröffentlicht.
(Quelle: [link:http://www.textartmagazin..de]TextArt-Magazin[/link], das aus einer neuen Biografie von Edna O´Brien zitiert: James Joyce.)

Lovecraft, Howard Philips
Auch schon um einiges älter, inzwischen aber zu einer Art Kult-Werk geworden, sind die Bücher von Lovecraft. Zu Lebzeiten veröffentlichte er einige Geschichten in den typischen Pulp-Magazinen der 20-er und 30-er Jahre wie Weird Tales . Aber niemand wollte eine vielfach und unübersichtlich korrigierten Bücher verlegen. Erst nach seinem Tod 1937 begann seine weltweite Erfolgsgeschichte, als der kleine Verlag Arkham House sich seiner Werke annahm.
(Quelle: Ein liebevoll geschriebener und ausgezeichnet recherchierter Artikel des SF-Spezialisten Heinz Jürgen Galle aus Leverkusen, erschienen im SF-Fanzine Munich Round Up Heft 173 / August 2004.)

Lucas, George
Eine der groteskesten Fehleinschätzungen gelang der US-amerikanischen Edel-Postille The New Yorker 1977 mit dieser Kritik:
„Comicstrip-Figuren, eine abstruse Geschichte, miese Schauspieler, groteske Dialoge und eine lachhaft simple Moral.“
Gemeint war der damals gerade anlaufende erste Teil der utopischen Film-Serie Krieg der Sterne von George Lucas.
Weder die Zuschauer noch die Kollegen von der Filmbranche ließen sich beirren: Der (erste) Film wurde zu einem der überraschendsten und vor allem größten Kino-Hits aller Zeiten. Die ganze Serie übertrifft sicher alles andere, was bisher auf die Leinwände kam – zumindest was den kommerziellen Erfolg angeht, aber eben auch die Beliebtheit bei den Zuschauern. Da können weder Der Herr der Ringe noch Harry Potter mithalten, die beiden anderen Serien mit ähnlichem Erfolg.
Ohne Frage hatte der Kritiker vom The New Yorker recht: Unter cineastischen Gesichtspunkten ist Krieg der Sterne ein sehr schlicht gestricktes Machwerk. Aber, und das zählt eben auch: die Zuschauer mochten es und mögen es noch immer. Und die Kollegen von George Lucas im Gremium der Academy Awards schätzten dieses Machwerk ganz offensichtlich ebenfalls: Sie belohnten es mit nicht weniger als sechs Oscars!
Und nicht zu vergessen: Dem US-Präsidenten Ronald Reagan (übrigens ein ehemaliger Schauspieler) gefiel schon der Titel so gut, dass er eine gewaltige neue Abschreckungs-Aufrüstungs-Maschinerie als die „Star Wars-Strategie bezeichnete.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Musil, Robert
„Als ich fertig war [mit dem Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß] , wurde mir das Manuskript von mehreren Verlagen mit Dank zurückgestellt und abgelehnt. Darunter von Diederichs-Jena…“ Robert Musil, Drei Frauen , S. 129 – „Skizzen zu einer Autobiographie“, 1937)
Dieses Buch begründete Musils Ruhm und hat inzwischen sicher weit über 100.000 Auflage. Zum Vergleich: von Musils Drei Frauen (erstmals ersch. 1924) wurden schon bis 1966 als Rowohlt TB 169.-178. Tsd verkauft. Als der Autor 1942 arm und völlig unbeachtet in Genf starb, nahm dies kaum jemand zur Kenntnis. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt und war nur dem enormen Einsatz des Verlegers Rowohlt und seines Verlages zu verdanken, bis Musil posthum die Anerkennung fand, die ihm heute zugestanden wird: einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zu sein. Dies speziell wegen seines unvollendeten 1000-Seiten-Wälzers Der Mann ohne Eigenschaften (den kaum jemand gelesen haben dürfte), aber vor allem auch wegen – des viel gelesenen Die Verwirrungen des Zöglings Törleß.

Nietzsche, Friedrich
– erging es mit seinem Zarathustra ebenso wie Heinrich Böll, Brecht, Franz Kafka und Robert Musil und vieler anderer Autoren mit ihrem Erstling: niemand wollte ihn drucken und auch sonst interessierte sich zunächst niemand dafür.

Remarque, Erich Maria
Obwohl Remarque mit Im Westen nichts Neues schon lange vorher einen weltweiten Hit gelandet hatte, wollte seinen späteren KZ-Roman von 1952 Der Funke Leben kein Verlag drucken. „Die Reaktionen waren zu einem großen Teil ausgesprochen feindlich, reserviert und empört“, wie Remarque berichtete (zit.n. Bittner S. 83). Er führte dies darauf zurück, dass in den 50-er Jahren sich ein größeres Publikum nicht mehr mit dem Dritten Reich und seiner Schreckensherrschaft auseinandersetzen wollte.
Inzwischen hat der Roman seinen Verlag gefunden: 1998 erschien er bei Kiepenheuer & Wirtsch.

Rowling, Joanne K.
Ihren Harry Potter wollte zunächst niemand drucken – 200 Seiten seien viel zu umfangreich für ein Kinderbuch, teilte man der frustrierten Autorin bedauernd (?) mit. Hasenherzig legte der englische Verlag Bloomsbury schließlich eine Startauflage von ganzen 300 (!) Exemplaren auf.
Dieses Zögern und Bedauern kann man heute, kaum ein Jahrzehnt später, nicht mehr so recht nachvollziehen bei diesem Weltbestseller, der seine Verfasserin bislang eine Weltauflage von 250 Millionen Exemplaren verschafft und sie zur reichsten Frau Englands gemacht hat (im April 2004 schätzte man ihr Vermögen bereits auf 600 Millionen €uro) – heute dürfte sie inzwischen der Milliarde überschritten haben. Das kommt schon ein wenig an den Software-Erfolg von Bill Gates heran!.
Man stelle sich vor: Schon 2003 führte die Rowling auf der Jahres-Bestsellerliste des Spiegel diese Liste gleich zweimal an – mit der deutschen UND mit der englischen Ausgabe ihres Harry Potter und der Orden des Phönix (den ich ganz exzellent geschrieben finde und sehr genossen habe) ; Band Eins, Drei und Vier ihrer Heptalogie um den bebrillten Zauberlehrling belegten ebenfalls führende Plätze. Sie alle wissen vermutlich, dass die Rowling das  mit ihrem Abschlussband der Heptalogie nochmals kräftig übertroffen hat.
Aber wie gesagt – erst einmal wollte niemand ihr erstes Manuskript haben.
Ein gut erhaltenes Exemplar des ersten Bandes der HP-Reihe wurde übrigens soeben (Ende 2007) beim texanischen Auktionshaus Heritage Auction für sage und schreibe 33.460 (!) Dollar versteigert (Simon 2007).

Schneider, Robert
Diesen Roman wollte auch erst niemand haben: Schlafes Bruder von Robert Scheider zu. Der Klappentext der Taschenbuchausgabe von 1995 dokumentiert, daß das Manuskript „von 22 Verlagen abgelehnt“ wurde, ehe Reclam Leipzig schließlich zugriff.
Inzwischen hat man den Roman um das (erfundene) musikalische Wunderkind Johannes Elias Alder in 23 Sprachen übersetzt und Joseph Vilsmaier machte einen sehr eindrucksvollen Film gleichen Titels daraus.

Stadelmann, Ingeborg
Von Beruf Hebamme in Ermengerst bei Kempten, schrieb diese Autorin ein Buch, in dem sie ihre beruflichen Erfahrungen allgemeinverständlich niederlegte: Die Hebammen-Sprechstunde .
Kein Verlag interessierte sich für die 400 Seiten dieses Manuskripts. Frau Stadelmann war nahe daran, aus Verzweiflung ihr Manuskript in Brand zu stecken. Dann wagte sie den Schritt zum Selbst-Verlag und brachte es 1994 in eigener Regie auf den Markt – und hat inzwischen (Stand: September 2004) 300.000 Exemplare verkauft!
(Südd. Zeitung vom 11. Sep 2004)



(In eigener Sache: Ich kann diesbezüglich auch ein Liedlein singen: Vier renommierten Buch-Agenturen bot ich vergeblich mein Buch-Projekt [link:#262]“DAS DRAMA DER HOCHBEGABTEN“[/link] zur Vermittlung an – und das nach 33 vorangegangenen Buch-Veröffentlichungen. Dann nahm ich die Chose wieder selbst in die Hand und hatte auch bald einen – sehr guten – Vertrag mit dem Kösel-Verlag.
Eine sehr negative Kritik von Barbara Knab in „Psychologie heute“ zeigt mir, dass selbst Rezensenten gelegentlich Dinge lesen – oder mit ihren persönlichen Meinungen garnieren, die in einem Buch gar nicht drinstehen – aber darüber an anderer Stelle mehr: [link:#329]Das Drama einer Rezension in „PSYCHOLOGIE HEUTE“][/link].
So, jetzt wissen Sie auch, warum ich diese Kolumne eingerichtet habe – und mit welchem diebischen Vergnügen ich das Material dafür sammle.)

Bibliographie

Asimov, Isaac: Ich der Robot. (195?) Düsseldorf 1952 (Rauchs Weltraumbücher)
Bittner, Wolfgang: Beruf: Schriftsteller. Reinbek 2002 (Rowohlt TB).
Böll, Heinrich: Der Engel schwieg. (1947). München Nov 1997 (dtv).
Däniken, Erich von: Erinnerungen an die Zukunft. Düsseldorf 1968 (Econ)
Defoe, Daniel: Robinson Crusoe (unzählige Ausgaben in unzähligen Sprachen, dazu allerlei Adaptionen wie „Der schweizer Robinson“, Verfilmungen und Dramatisierungen für die Bühne)
Eisfeld, Rainer: Die Zukunft in der Tasche. Lüneburg 2007 (Dieter von Reeken)
Ferchl, Wolfgang: „Die Kunst, die Ware und das Glück“. In: Süddeutsche Zeitung vom 18. Mai 2004
Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. (Wien 1900)
Galle, Heinz Jürgen: „Arkham House“. In: Munich Round Up, Heft 173 / August 2004)
Grass, Günter: Die Blechtrommel. (1960)
Hammesfahr, Pertra: Die Sünderin. Reinbek Sep 2000 (Rowohlt)
Henderson, Bill und André Bernard: Rotten Reviews and Rejections. New York 1998 (Pushcart Press)
Joyce, James: Dubliners (1914), Portrait of the Artist as a young Man (1916), Ulysses (1929) – diverse Neuausgaben und Übersetzungen.
Koeppen , Wolfgang: Das Treibhaus. (1953) München 2004 (Edition der Südd. Zeitung)
Lovecraft, Howard Philips: Diverse Romane und KG-Sammlungen um den Mythos von Chtulhu. USA ab 1937 (Arkham House).
Musil, Robert: Die Verwirrungen des Zöglings Törless (1906 Erstdruck).
Remarque, Erich Maria: Der Funke Leben. (1952). Köln 1998 (Kiepenheuer & Witsch).
Richter, Hans Werner: Im Etablissement der Schmetterlinge. (München 1986, Hanser). Berlin 2004 (Wagenbach).
Rowling, Joanne K.: Harry Potter und… (ab 1997)
dies.: The Tales of Beedle the Bard. London 2007 (Bloomsbury)
Schneider, Robert: Schlafes Bruder. Leipzig 1992 (Reclam)
Simon, Eva-Maria: „Schätze im Regal“. In: Südd. Zeitung vom 29. Dez 2007
Stadelmann, Ingeborg: Die Hebammen-Sprechstunde. Kempten 1994 (Selbstverlag Ingeborg Stadelmann)
Vilsmaier, Joseph (Regie): Schlafes Bruder. Deutschland 1994 (Iduna Film)

Aktualisierung: 12. Feb 2019/20:32 [06. Jan 2004]