Akronyme und Akronym-Spiel

Ein Akronym ist ein Kunstwort, das aus den Anfangsbuchstaben (akro = griech. „Spitze“) anderer Wörter zusammengesetzt ist.
Warum sollte man sich als Schreibender damit befassen?
Weil hier eine leicht anzuzapfende Quelle für Kreativität und Phantasie zu entdecken ist, vor allem in Gestalt des Akronym-Spiels (s. unten).

Ich unterscheide Abkürzungen wie IAK (für unser eigenes „Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie“), einfache Akronyme (NATO – für „North Atlantic Treaty Organization“) und „Sprechende Akronyme“ (SATAN – s. unten).
Eine Ausnahme ist CERN: Im Französischen „spricht“ das nicht – im Deutschen verweist das Akronym unübersehbar auf die KERNenergie-Forschung, um die es ja in Genf geht.

Interessante „sprechende Akronyme“

ARTE – von französ. „arte“ = „Kunst“. Dieser Name steht also für den hohen künstlerischen bzw. kulturellen Anspruch dieses TV-Programms und lautet ausgeschrieben „Association Relative à la Télévision Européenne“ („Zusammenschluss bezüglich des europäischen Fernsehens“)
.
A.T.T.A.C. ist ein wunderbares anderes französisches Exemplar: „Association pur une taxation des transactions financières pour l´aide aux citoyens“ (franz. für „Vereinigung zur Besteuerung von Finanz-Transaktionen zugunsten der Bürger“) – da steckt in der „Attacke“ gleich noch die Wut der in dieser NGO (Non governmental Organization) verbündeten Aktivisten.
C.A.R. = Center of Automotive Research (ein deutsches Institut zur Erforschung der Autofahrgewohnheiten der Deutschen, das mit diesem Akronym sehr passend benannt wurde).

Zufallsfund in der SZ: Ein Forschungsproject mit dem pfiffigen Akronym „I.C.A.R.U.S“: – denn hier geht es wirklich ums Fliegen wie in der Labyrinth-Sage, wo Daidalos und sein Sohn Ikarus aus ihrem Gefängnis mit Hilfe künstlicher Flügel entfliehen:
„Achtzehn Jahre ist es her, seit Martin Wikelski in Panama den Fleckenbrust-Waldwächter erforscht hat. Der heute 53-jährige Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell baute damals mit Kollegen mitten im Dschungel 40 Meter hohe Gerüste, um die Vögel von oben zu beobachten. Noch besser wäre es, die Tiere aus dem Weltraum sehen zu können, meinte einer aus dem Team. Es war ein Witz, doch die Idee ließ Wikelski nicht mehr los. Wenn alles nach Plan läuft, wird seine Vision an diesem Mittwoch Wirklichkeit: Das Projekt Icarus (International Cooperation for Animal Research Using Space), das der Professor für Ornithologie an der Universität Konstanz leitet, nimmt die Arbeit auf. Wenn die Icarus-Antenne an der Außenseite der Internationalen Raumstation (ISS) aktiviert ist, wird sie Signale von kleinen Sendern auf dem Rücken von Vögeln, Fischen und Säugetieren auf der ganzen Welt empfangen. Und Wikelski kann fast live und gleichzeitig die Bewegungen von Flughunden im Kongo, von Enten in China und von Amseln in Deutschland verfolgen.“
(Baier; Tina: „Martin Wikelski: Erfinder des Internets der Tiere“. In: SZ Nr. 157 vom 10. Jul 2019, S. 04.)

Kurios und sicher rein zufällig entstanden: M.I.E.V.
Auf einer Wanderung am Ufer des Starnberger Sees von Possenhofen nach Tutzing gesehen:
M.I.E.V. = Mitsubishi Innovativ Electromobil Vehicle. Die Assoziation zu „Mief“ ist nicht gerade das, was ich mit einem Elektromobil verbinden möchte – ein Schelm, wer Böses denkt!

Richtig Spaß kann so ein Kunstwort auch machen: Dr. Erika Fuchs war die bekannte Übersetzerin, welche über viele Jahre die Micky-Maus– und Donald-Duck-Comics ins Deutsche übertragen hat. Der Förderverein der Stiftung „Dr. Erika Fuchs“ http://www.erika-fuchs.de im oberfränkischen Schwarzenbach an der Saale lädt ein, zu ihrem Gedenken förderndes und geldspendendes Mitglied zu werden im „Club der M.I.L.L.I.A.R.D.Ä.R.E“: „Mitglieder in lauterer lebenserfahrener interaktiver angenehmer Runde donaldische Ästhetik rigoros einfordernd“.

Das erste Akronym, das ich bewusst gelesen habe, stand 1958 in einer Science-Fiction-Story in der deutschen Ausgabe des Magazins Galaxis. Es hieß SATAN.
Ich war verblüfft von dieser Möglichkeit, in einem Akronym mehrere Wörter zusammenzuziehen. Dies war zudem ein Akronym, das als eigenständiges Wort („Satan“) transportierte, worum es in der Geschichte ging: etwas wahrhaft Satanisches. Die Story handelte von einem kaum zu überwindenden Diktator. Wem von seinen rebellischen Gegnern es gelang, die Abwehr durch wirklich höllisch wirksame Waffensysteme zu überwinden – der wurde selbst dieser Diktator mit dem Titel „Supremer Autokrat der Terranischen Assoziierten Nationen – also S.A.T.A.N.“.
Witzig ist auch S.N.A.R.C. Das steht für „Stochastic Neural Analog Reinforcement Calculator“, ein neuronalen Netzcomputer, den Marvin Minsky 1951 gemeinsam mit Dean Edmonds in Princeton entwickelte. Das ist insofern ein „sprechendes Akronym“, als der Begriff an „The Hunting of the Snark“ erinnert, einen verrückten Text von Lewis Carroll (Alice in Wonderland).
Dass auch Astronomen Humor haben können, beweist TRAPPIST. Das steht, wenngleich ein wenig zurechtgebastelt, für Transiting Planets and Planetesimals Small Telescope.
„Sprechend“ ist dieses Akronym insofern, als es auf die Trappisten-Mönche und ihr „Trappist-Bier“ verweist, das bei holländischen Astronomen offenbar so beliebt ist, dass sie das Kunstwort für das von ihnen entdeckte Sonnensystem mit sieben Exoplaneten danach formten:
Trappist-1 ist ein etwa 40 Lichtjahre von der Erde entferntes Planetensystem. Nachdem zunächst nur der Zentralstern, ein massearmer Roter Zwerg, 1999 beim Two Micron All Sky Survey entdeckt worden war und die Katalogbezeichnung 2MASS J23062928-0502285 erhalten hatte, wurde das Planetensystem nach der weiteren Erforschung mit dem Transiting Planets and Planetesimals Small Telescope (TRAPPIST) am La-Silla-Observatorium in Chile Trappist-1 benannt.
Ein Team von Astronomen unter der Führung von Michaël Gillon vom Institut d’Astrophysique et Géophysique an der Universität Lüttich in Belgien fand heraus, dass dieser dunkle und kühle Stern in regelmäßigen Abständen leicht an Helligkeit abnimmt, was darauf hindeutet, dass mehrere Objekte zwischen dem Stern und der Erde vorbeiziehen. Erste Untersuchungen ergaben über die Transitmethode zunächst Hinweise auf drei erdähnliche Planeten, die den Stern umkreisen. Am 22. Februar 2017 gab die NASA die Entdeckung weiterer vier erdähnlicher Planeten bekannt. Die Entdeckung war das Ergebnis wochenlanger Beobachtung von Trappist-1 mit Hilfe des Spitzer-Weltraumteleskops.“ [Quelle: Wikipedia)

„Wein!“ schrie der Esel

In unseren Schreib-Seminaren setze ich das Akronym-Spiel gerne zur Anregung der Phantasie und des krativen Flusses ein. Dabei geht man umgekehrt vor als bei einem „Sprechenden Akronym“. Diese Neologismen sind ja konstruiert, um eine bestimmte Aussage zu transportieren. Im Falle des A-Spiels arbeitet man genau andersherum: Man lässt sich zu einem bereits existierenden Begriff (zum Beispiel „Weltenbau“) spontan neue Wörter einfallen, die mit ihren Anfangsbuchstaben auf das Ausgangs-Wort verweisen. Aktuelles Beispiel aus der Roman-Werkstatt im Oktober: Zu dem Leitthema „Weltenbau“ fielen mir selbst die folgenden „Spitz-Wörter“ ein (es können dies sowohl Substantive sein wie Verben, Adjektive oder Adverbien):
Wein
Esel
Leben
Tinte
Ekel
Nebel
Bauschutt
Adler
Uhu

Daraus ergab sich rasch folgende kleine Geschichte, in die ich diese Wörter einbaute:

„Wein!“ schrie der Esel, als ginge es um sein Leben. Er saß ganz schön in der Tinte – voller Ekel über den Nebel, der den Bauschutt seines Lebens gnädig verhüllt. Ach, dachte er, wäre ich doch ein Adler – der über allem schwebt – oder meinetwegen auch nur ein Uhu, der weise nickt und von seinem Ast nach Beute spät.
Ein redender Esel? Ein Wunder gar? Nein, nur ein besoffener Uhu, den sie Esel nennen, weil er so viel dummes Zeug macht und der sich, was vielleicht seine größte Dummheit ist, diesen Spottnamen „Esel“ zu eigen gemacht hat. Einer seiner kühnsten Gedanken ist es, diesen Spottnamen als Ehrentitel zu nützen und als Pseudonym für den Roman, den er seit seiner Jugend zu schreiben gedenkt – aber nie zu schreiben wagte.
Die drei Gläser Wein, die er eben getrunken hat, haben seine Fantasie entzündet. Aber um wirklich mit dem Schreiben seines Werkes zu beginnen, bräuchte er wohl mehr als noch ein viertes Glas Wein – Tinte und Feder wären da sicher hilfreicher. Aber immerhin hat er nun endlich das erste Wort und den ersten Satz dieses Romans tatsächlich auf das bis dahin leere Blatt in seinem Notizbüchlein geschrieben:

„Wein!“ schrie der Esel, als ginge es um sein Leben.

Und so weiter und so weiter – siehe den Anfang der Geschichte.

05. Januar 2020