Clustering

Cluster

Ein Cluster

Clustering ist schriftliches Brainstorming mit sternförmiger Struktur.

Hintergrund

Die amerikanische Pädagogin Gabriele L. Rico hat 1973 eine bahnbrechende Methode entwickelt, mit der man sich rasch Überblick zu einem bestimmten Thema verschaffen kann. Das Verfahren basiert auf der von Sigmund Freud entwickelten Methode der „freien Assoziation“ – das heißt, man sollte ohne viel zu überlegen oder gar zu zensieren hinschreiben, was einem gerade so einfällt (Freud hat, offenbar unbewußt, ein Rezept des Journalisten Ludwig Börne von 1862 (s. Bibliografie) übernommen, das dieser zwar satirisch meinte – das dennoch, in der Adaption durch Freud, ungemein produktiv für die kreativitätspsychologische und psychotherapeutische Arbeit wurde.) Etwa zur gleichen Zeit entwickelte Tony Buzan in England ein ähnliches, allerdings stärker strukturiertes Verfahren, das er Mindmap nennt. Gemeinsam ist allen Verfahren die Übung und Intensivierung des freien Assoziierens – durch Aktivieren des Spieltriebs und, nicht zuletzt, durch den Abbau von (unbewußten) Ängsten.

Gabriele Rico entdeckte 1973 ihre Methode des Clustering, die sie ein Jahrzehnt später in ihrem Buch „Writing the natural Way“ vorstellte. Sie fand das Verfahren folgendermaßen:

„Als ich 1973 in Stanford mit meiner Doktorarbeit [Metaphor and Knowing, unv.] begann, stieß ich zufällig auf einen Artikel des Neurochirurgen Joseph E. Bogen, in dem dieser sich mit der Frage auseinandersetzt, welche Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Funktionsweisen der beiden Gehirnhälften und der Kreativität bestehen […]

Das Buch „The hidden Order of Art“ des Psychiaters Anton Ehrenzweig, das ich zu jener Zeit las, enthält ein kompliziertes, an eine Straßenkarte erinnerndes Schaubild, mit dem Ehrenzweig verdeutlichen will, was bei einer schöpferischen Ideensuche in unserem Gehirn geschieht. Als ich darüber nachdachte, wie man einen solchen Suchprozeß auf dem Papier darstellen könnte, und dabei verschiedene Möglichkeiten durchspielte, stieß ich auf das Verfahren, das ich Clustering genannt habe. Beim Betrachten von Ehrenzweigs Schema schrieb ich das erste Wort [Gewirr], das mit in den Sinn kam, in die Mitte eines leeren Blattes, zog einen Kreis darum und fügte, wie elektrisiert durch die Gedankenverbindungen, die sich in meinem Kopf um diesen Mittelpunkt herum sammelten und in alle Richtungen ausstrahlten, immer neue Einfälle, Assoziationen zu diesem einen Wort hinzu“ (Rico, S. 7-9)

1976, fünf Monate nach Abschluß meiner Dissertation, erfuhr ich gleichermaßen aufgeschreckt und ermutigt, daß der englische Pädagoge Tony Buzan ein Verfahren zur Förderung kreativer Fähigkeiten entwickelt hat, das dem Clustering ähnelte. Er hat seine Mapping genannte Methode in einem Buch mit dem Titel „Use both Sides of the Brain“ vorgestellt. Obwohl Clustering und Mapping zu unterschiedlichen Übungen und Lernprozessen führen und auch äußerlich in vieler Hinsicht voneinander abweichen, schien es, als hätten Tony Buzan und ich unabhängig voneinander eine Entdeckung gemacht, für die die Zeit gekommen war.“ (S. 10)

Mindmap vs. Clustering

Die Herstellung eines Clusters ist rasch erklärt:

Man schreibe in die Mitte eines großen Blattes ein Stichwort (Thema) und bilde von dieser Mitte ausgehend Ketten von Einfällen (Freie Assoziationen). Sobald eine Kette beendet ist (weil einem nichts mehr einfällt), gehe man zurück zur Mitte und beginne, zum selben Stichwort, eine neue Gedankenkette.

Für das Mindmap bedarf es weit mehr Erläuterungen. Es gibt eine ganze Reihe von Regeln (sein Erfinder Tony Buzan spricht sogar von Gesetzen), die der Anwender befolgen muß, wenn es ein echtes Mindmap werden soll, z.B.:

Verwende für die Verzweigungen unterschiedlich dicke Striche, die mit wachsender Entfernung vom Kernwort immer dünner werden. Schreibe auf diese Striche die nächsten Stichwörter, zum Zentrum hin mit größeren Buchstaben, in wachsender Entfernung davon mit kleineren Buchstaben. Verwende Farben. Verwende Bilder, speziell für das Zentrum. Und so weiter usw.

Freie Assoziation

Der unseres Erachtens ganz wesentliche Begriff freie Assoziation kommt bei Tony Buzan erst an zweiter Stelle und ohne den ganz entscheidenden Zusatz . Entsprechend erlebt man das Cluster, bei dem das möglichst spontane (freie) Assoziieren eine wesentliche Rolle spielt, viel befreiender und kreativer – aber auch wildwüchsiger und manchmal sogar verwirrender.
Ein Mindmap wird viel überlegter aufgebaut. Ja: aufgebaut – oder konstruiert – ist das treffende Wort.

Entsprechend setzen wir das Clustern gerne am Beginn eines kreativen Prozesses ein und das Mindmap in der zweiten Phase, wenn es ums Ordnen der Einfälle (aus dem Cluster) und ums Planen, also um die Umsetzung in ein praktisches Ergebnis geht (zum Beispiel den Entwurf eines Romans).

Ein Cluster erscheint einem selbst als sinnvoll und Außenstehenden eher fremd, undurchschaubar – der Wildwuchs des Kreativen Prozesses pur.
Ein Mindmap hingegen erscheint auch für andere klar und nachvollziehbar, ja es wirkt nicht selten ausgesprochen ästhetisch reizvoll und intellektuell befriedigend. (Man kann sich eine ganze Galerie mit Mindmaps vorstellen – und Künstler haben ihre diesbezüglichen Produkte sogar schon ausgestellt – wohingegen eine ganze Ausstellung mit Clusters eher eintönig und sogar langweilig wirken dürfte – falls jemand überhaupt auf so eine Idee käme).

Mindmaps zielen also immer schon auf eine Öffentlichkeit, Cluster hingegen sind mehr ein Privatvergnügen. Beide haben also ihre Stärken und Schwächen – und ergänzen sich somit hervorragend.

Wir können dementsprechend Tony Buzan bei seinen Größenphantasien im „Mindmap-Buch“ nicht recht folgen, wo er seine Methode am Schluß sogar als eine Art Weltrettungsmethode präsentiert – das Cluster hingegen regelrecht abwertet. Aber letzteres zeigt deutlich, daß Buzan ein exzellentes Marketingkonzept hat und auch durchführt, dem Gabriele Rico nichts außer ihrem Buch und ihren Seminaren entgegenhalten kann. Das fängt schon mit dem Namen an: Mindmap ist nun einmal viel treffender und einprägsamer als Cluster; seinen Begriff hat Buzan sich sogar markenrechtlich schützen lassen.

(Als Michael Jetter für seine wirklich brilliante Umsetzung des Mindmap-Konzepts für den Computer einen Namen suchte, durfte er Mindmap nicht verwenden – und nahm stattdessen das ähnliche und für alle Kenner auch sofort verständliche MindMan, später MindManager. Bei Cluster hätte er solche Schwierigkeiten nicht gehabt – aber auch nicht sofort die richtige Klientel angesprochen. Die Mindjet-Gründer Bettina Jetter, Mike Jetter und Michael Louis wurden für ihre unternehmerische Spitzenleistung mit dem Unternehmerpreis „Entrepreneure des Jahres 2004“ in der Kategorie Informationstechnologie ausgezeichnet – wie man auf ihrer Website mindjet.com nachlesen kann.)

Umso mehr liegt uns daran, hier eine Lanze für Gabriele Ricos Methode zu brechen, die – wie gesagt – ihre ganz eigenen Meriten hat.

Ein Cluster in drei Schritten

Die folgenden drei Abbildungen zeigen, wie ein Cluster Schritt für Schritt entsteht. Wie es naheliegt, haben wir als Thema (= Stichwort im Zentrum) den Begriff Cluster gewählt. Im ersten Schritt entsteht ein erster Ring von Assoziationen um dieses Zentrum herum. Im zweiten Schritt folgt ein zweiter Ring usw. Nach und nach entsteht das fertige Cluster.

In Wirklichkeit fertigt man ein Cluster jedoch nicht so an, also „Ring um Ring“, sondern folgt erst einer Gedankenkette von Einfällen, dann einer zweiten usw. bis das Cluster schießlich fertig ist.

Vom Cluster zur Gedanken-Ketten-Organisation

Statt nur mit Stichwörtern zu arbeiten (wie in diesem Beispiel und wie Gabriele Rico es vorschlägt), kann man auch halbe oder ganze Sätze oder sogar kleine Satzteile in die einzelnen Gedankenblasen schreiben. So erhält man nicht nur Stoffsammlung und Gliederung (= die einzelnen Äste), sondern sogar schon eine Art Rohtext. Letzteren muß man dann nur noch abbtippen und dabei ein wenig erweitern und ändern – und schon hat man einen richtigen Rohtext, mit dem sich gut weiter arbeiten läßt. Diese erweiterte Version des Clustering nennen wir Gedanken-Ketten-Organisation.

Weitere hilfreiche Methoden

Eine weitere Methode, bei welcher mit Freier Assoziation gearbeitet wird, ist die Vier-Spalten-Methode

Auch die Erstellung einer Zeittafel kann sich als hilfreich erweisen – zum Beispiel um das Ideengerüst für einen Roman oder ein Sachbuch zu organisieren: Zeittafeln als geistiges Werkzeug.

Bibliographie

  • Börne, Ludwig: „Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden“ (1862).
  • Buzan, Tony: Use both Sides of the Brain.
  • Ehrenzweig, Anton: The hidden Order of Art .
  • Freud, Sigmund: „Zur Psychotherapie der Hysterie“. In: Breuer, Josef und Sigmund Freud: Studien über Hysterie, Freud G.W. Bd. I, S. 252 -312.
  • Rico, Gabriele L.: Garantiert schreiben lernen. (1983) Reinbek 1984, 32. Tsd. 1996 (Rowohlt) .
  • Rico, Gabriele Lusser: Pain And Possibility (199?) London (Penguin Books).
  • Scheidt, Jürgen vom: „Die Tinte muß fließen“ (über die Vier-Spalten-Methode). In: TextArt-Magazin Nr. 1 / 2006.
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