Zitate zu „Entschleunigung“

Hier sammeln wir Zitate zum Thema Entschleunigung / Entschleunigen, welche die aktuelle Bedeutung dieses Begriffs dokumentieren.

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Wer hätte das gedacht: Auch das Schreiben hat etwas mit Entschleunigung zu tun, vor allem das „Schreiben mit der Hand“:

Nach Malbüchern für Erwachsene kommen jetzt Schönschreibhefte. Die wirken nicht nur entschleunigend, sondern retten vielleicht auch die vom Aussterben bedrohe Handschrift.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 256 vom 05. Nov 2016, S. 57 [Stil]


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Inzwischen ist der Begriff Entschleunigung in der Werbung angelangt – populärer kann man es sich als Urheber nicht wünschen.
Auf der Fahrt zum Blogger-Treffen von SciLogs am 16./17. April 2016 in Wiesloch beim Umsteigen im Bahnhof Heidelberg als Poster der Bundesbahn gesehen:

Schnell von City zu City
Entschleunigen, so schnell wie nie.

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Das immer noch mehr denn ja aktuelle Thema „Flüchtlinge“ beschert uns auch dieses Zitat:

Jedes Jahr im Dezember setzt die große Binnenwanderung in Deutschland ein. Millionen Christen (oder christlich Sozialisierte) verlassen Büro, Fabrik oder Hörsaal, um für ein paar Tage bei ihrer Familie das Weltgeschehen zu ignorieren. Das Interessante aber ist: An der großen Wanderung nimmt inzwischen auch ein beträchtlicher Teil der muslimischen Einwanderer teil. Denn Weihnachten bietet eine Gelegenheit, die zu wertvoll ist, um ignoriert zu werden.
In dieser pluralistischen Gesellschaft in Deutschland, mit all ihren kontroversen politischen Denkweisen, Lebensentwürfen und Ansichten ist Weihnachten das jährliche Ritual, auf das sich immer noch die allermeisten Bürger einigen können. Der größte gemeinsame Nenner. Dass sich an diesen Feiertagen die Welt etwas langsamer zu drehen scheint, merken dann jene am besten, die diesen Anlass für Entschleunigung per se nicht haben, für die es keine Veränderung des bisherigen Tempos gibt.
Nicht nur die meisten der neu angekommenen Flüchtlinge, sondern auch die vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens, die in zweiter, dritter, vierter Generation hier leben, bekommen besonders im Dezember von der breitestmöglichen Mehrheit vorgelebt, was ihr als Herzstück „christlich-abendländischer Kultur gilt. (Dass auch die unseligen Pegidisten am Montag in Dresden „O du fröhliche“ gesungen haben, entwertet dies nicht.) Es bleibt auch für hier aufwachsende Muslime ein Faszinosum, welch identitätsstiftende Kraft ein paar Tage im Jahr für eine Gesellschaft haben können. Und es bleibt ein Rätsel, wieso das so vielen Entschleunigten so wenig bewusst ist.

(Gökalp Babayigit: „Mutlu Noeller“. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 297 vom 24. Dez 2015)

Die furchtbare Flüchtlingskatastrophe hat zwei Innenminister leider zu einem eklatanten Missbrauch des Begriffs verführt: Statt ihre Behördenmaschinierie angesichts von weit über hunderttausend zutiefst traumatisierten Menschen deutlich zu beschleunigen, wollen sowohl Brandenburgs Karl-Heinz Schröter als auch Thomas de Maizière das genaue Gegenteil erreichen. Der Bundesinnenminister hält das Tempo der Flüchtlingszuwanderung für zu hoch:

Deswegen müssen wir an einer Entschleunigung arbeiten, damit wir auch in Deutschland [blah blah blah] (de Maizière am 12. September 2015)

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Drei weitere aktuelle Zitate, in ganz anderen Zusammenhängen:

Langsamer auf der Renatastraße: Lokalpolitiker fordern Konzept zur Entschleunigung der Traverse. (Süddeutsche Zeitung vom 28. Mai 2015, auf S. R09 im Lokalteil)

Alle reden von Entschleunigung, nur auf der Schiene kann es noch immer nicht schnell genug gehen. (Im Streiflicht der Süddeutschen Zeitung vom 29. Mai 2015)

(Der Paternoster als) Symbol der Entschleunigung. (Im Aktuellen Lexikon derselben Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 29. Mai 2015, auf S.04, Stichwort „Paternoster“)

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Die Südd. Zeitung Nr. 297 vom 24. Dez 2013, brachte auf S. 19 im Wirtschaftsteil einen ausführlichen Beitrag, in dem Kathrin Werner, die New Yorker Korrespondentin der SZ, aus der Sicht der wohl beschleunigsten Stadt der Welt kritische Anmerkungen zur Entschleunigung machte. Sie stellte der Entschleunigung die Bedeutung eines eher beschleunigten Lebens gegenüber. Das zog einige kritische Leserbriefe nach, darunter einen von mir selbst.

[…] und am liebsten haben wir es gemütlich. Erfindungen, Unternehmensgründungen, aufregende Architektur, Kunst, Theater, Literatur entstehen aber nicht aus Gemütlichkeit. Sondern, wenn Menschen etwas erleben, ihren Wohlfühlbereich verlassen. Sie entstehen zu selten in Deutschland. Für alles, was uns voranbringt, brauchen wir Energie. Energie ist Bewegung. Wir brauchen Beschleunigung statt Entschleunigung.
Ohne Beschleunigung gibt es kein Wachstum. Und ohne Wachstum ist unsere Volkswirtschaft nicht stabil. Weil es ständig neue Technik gibt, werden Unternehmen immer produktiver, sie brauchen weniger Mitarbeiter für die gleiche Arbeit. Deshalb müssen sie wachsen – sonst werden Menschen arbeitslos. Eine entschleunigte Gesellschaft kann nur fordern, wer sich gleichzeitig von der Marktwirtschaft abkehrt.

Meine Antwort im Leserbrief (abgedruckt am 09. Januar 2014, S. 15):

Erlauben Sie mir als Erfinder des Begriffs Entschleunigung (→ Wikipedia: Entschleunigung) eine kleine, aber wichtige Ergänzung des Artikels von Katrin Werner : „(Beschleunigung: Schöne schnelle Welt“ im Wirtschaftsteil der SZ vom 24. Dezember 2013:
Ich habe den Begriff 1979 geprägt, weil mir immer unbehaglicher wurde angesichts einer Welt, die ziemlich besinnungslos immer schneller wird. Dies zwingt uns fatalerweise, eben diese Welt (und damit auch die Menschen und die menschlichen Beziehungen) immer abstrakter und somit emotionsloser wahrzunehmen. Denn nur entsprechend „verdichtete“, also abstraktere Informationen lassen sich vom Neuhirn entsprechend rasch verarbeiten.
Gerade die Fähigkeit, sich zu erinnern (auf welche Katrin Werner ausdrücklich verweist), verlangt jedoch nach Langsamkeit. Nur wer entschleunigt, indem er oder sie beispielsweise in einem ruhigen Moment die Augen schließt und absichtslos „nach innen schaut“, bekommt Zugang zu den Gefühlen, die uns das Erinnern überhaupt erst ermöglichen. Gefühle aber sind, wie gesagt, langsam.
Ich bin nun keineswegs der Meinung eines „Entschleunigungs-Apostels“, dass Entschleunigung alles ist. Ich bin auch keineswegs antitechnisch eigestellt, ganz im Gegenteil. Ich denke jedoch, dass es darauf ankommt, im richtigen Zusammenhang das jeweils passende Tempo zu erreichen.
Nur ist das „Schneller werden“ und beschleunigen inzwischen so sehr zum Normaltempo geworden, dass man immer wieder für das Gegenteil und eine ausgewogenere Verteilung der beiden Tempi kämpfen muss.
Also: Nicht „entweder Beschleunigung oder Entschleunigung“ – sondern „sowohl – als auch“.
Umso mehr freut mich, dass sich der Begriff Entschleunigung in den vergangenen 34 Jahren doch recht gut durchgesetzt hat. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit, die in Bayern auch gerne als „stade Zeit“ besungen wird – „stad“ nicht nur im Sinne von „still“, sondern auch als „besinnlich“ und somit „entschleunigt“.

Die Wochenend-Beilage der Südd. Zeitung vom 19./20. Oktober 2013 brachte folgendes:

[…] endlich hatte unser Autor Harald Hordych Zeit für eine Geschichte, die er schon immer im Sinn hatte. Er wollte wissen, was mit all den teuren Uhren passiert, wenn sie wie Autos zur Inspektion müssen. In der Werkstatt lernte er die wahren Meister der Entschleunigung kennen: Was für eine Präzision, was für eine Detailbesessenheit! Ein guter Uhrmacher schafft es, filigranste Rädchen wieder flottzukriegen, er erkennt die Qualität einer winzigen Schraube auch ohne Mikroskop. Als Journalist würde man sich so eine Ruhe auch mal wünschen. Immer dann, wenn man gerade anfängt, über eine Geschichte nachzudenken, bricht wieder die Aktualität über einen herein, lauter wichtige Nachrichten, die sofort ins Blatt müssen. Aber manchmal hat man Glück und sogar etwas Zeit – dann kann etwas Besonderes entstehen.

(anonym: „Liebe Leser“. In: Südd. Zeitung Nr. 242 vom 19. Okt 2013, Wochenendbeilage S. 02)

Das Energy-Getränk Red Bull soll ja die Konsumenten ganz im Gegenteil ordentlich be-schleunigen. Wie purer Hohn liest sich entsprechend, womit die Herstellerfirma für ihren TV-Sender Servus TV geworben hat. Nach dem Start hieß es lange, man stehe

für Werte, für Entschleunigung, für Ursprünglichkeit.

(zit.n. Kahlweit, Cathrin: „Offensive aus den Alpen“. In: Südd. Zeitung Nr. 239 vom 16. Okt 2013, S. 25)

Kommentar überflüssig. Nicht jedes „Servus“ ist in Bayern oder Österreich eine Einladung zur Gemütlichkeit.
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Dieses Zitat aus der Süddeutschen Zeitung handelt von einer Art Schutzpatron der in München Schreibenden. Gleich beim Eingang zum Fachgeschäft „Kaut Bullinger & Co“* in der Rosenstraße am Marienplatz steht eine lebensgroße Statue von Sigi Sommer, weiland Blasius der Spaziergänger und Verfasser der melancholischen Romane „Und keiner weint mir nach“ und „Meine 99 Bräute“. Über seine ironischen Glossen des Münchner Tag- und Nachtlebens haben wir uns schon als Schüler amüsiert. Wie es heißt, berühren abergläubische Journalisten und Autoren gerne die Schulter des Sigi, um sich aufzuladen an seiner unerschöpflichen kreativen Energie, die man ihm zu Lebzeiten nachsagte. Das soll vorzüglich gegen Schreib-Blockaden helfen. Sagt man. Schaden kann es jedenfalls nicht, wenn man ohnehin Schreibuntensilien bei „Kaut Bullinger und ihr bleibt gesund“ (wie wir das als Schüler gerne vergackeierten) kauft und die Statue ein weiteres Mal blankpolieren hilft.
Ach ja, das Zitat: Kürzlich verhängte ein Verein zur „Verlangsamung des Lebens“ den Sigi und forderte die Passanten damit zur (wie die SZ im Lokalteil vermerkte) Entschleunigung auf.
(Anlauf, Thomas: „Der enthüllte Journalist“. In: Südd. Zeitung Nr. 192 vom 21. Aug 2013.)
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Barack Obama, um den Schauplatz zu wechseln, bemüht sich derzeit nicht nur um ein mögliches Eingreifen von westlichen Truppen im syrischen Bürgerkrieg oder um das weltweite Ausspionieren durch den US-Geheimdienst NSA, sondern auch um eine Immobilien-Reform. In einer Glosse merkt dazu der Wirtschaftsteil der SZ an:

Letztlich wird dadurch das Hütchenspiel am amerikanischen Immobilienmarkt ein wenig verändert, ein wenig entschleunigt.

(Schäfer, Wilrich: „Das Hütchenspiel geht weiter“. In: Südd. Zeitung Nr. 182 vom 08. August 2013, S. 15)
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In der Ankündigung und Bewertung zweier Filme in der Zeitschrift TV Spielfilm taucht der Begriff ebenfalls auf:
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„Apichatpong Weerasethakul, der als Videokünstler auf assoziative Bilder setzt, schuf eine rätselhafte Komposition mit fernöstlichem Geisterkult und totaler Entschleunigung. Oft im Dunkeln, besitzt seine Meditation über die Vergänglichkeit eine eigenartige Poesie: Etwa, wenn eine Prinzessin ihre welkende Schönheit beweint und sich von einem Fisch trösten lässt.“
(Weerasethakul, Apichatpong (Regie): Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben. Sendung auf ARTE am 15. April 2013, 22:00 Uhr)
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„Livland bezeichnet eine historische Landschaft im Baltikum, die das heutige Estland und Lettland umfasst: zwei kleine, wenig bevölkerte Staaten, die Anschluss an die globalisierte Gesellschaft suchen, aber auch Traditionen lebendig halten – diesen Eindruck vermittelt diese entschleunigte Doku, in der eine Reihe junger Letten und Estländer über ihr Leben berichten.“
(Volker Koepp (Regie und Drehbuch) Sendung auf Eins Festival am 12. Dez 2012, 22:15)

Im Cosima-Bad im Münchner Osten liegt ein Lesezirkel mit Illustrierten aus. Auf dem Schutzumschlag wirbt (im März 2013) der Leserkreis Daheim mit dem Slogan:
“Schon entschleunigt und Zeit für Genuss?“

Jetzt ist das Thema so richtig in der Öffentlichkeit angekommen. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT findet sich ein achtseitigens Dossier zur Entschleunigung. Ich will das hier nicht weiter referieren – in meinem Blog Labyrinth des Schreibens habe ich das ausführlich getan.

Quelle: Div. Autoren in: Zeit Nr. 50 vom 06. Dez 2012, S. 57-64 (Dossier „Entschleunigung“)

Katharina Wetzel, SZ: „Es ist [jedoch] schwierig, sich von der Uhr unabhängig zu machen, wenn das Tempo immer schneller wird.“
Geißler: „“Schneller ist ja nicht besser, weil es schneller ist. Es geht, auch in der Ökonomie, um das rechte Maß beim Ternpo, wie in der Musik, in der „Tempo“ ja für das rechte Zeitmaß steht: Deshalb geht es auch nicht, wie das derzeit häufig zu hören ist, um
Entschleunigung, ein Begriff, der sich eher für den Beipackzettel eines Mittels zur Verdauungsregulation eignet. Es muss nicht alles langsamer werden. Es wäre fatal, wenn der Notarzt künftig mit dem Pferd käme. Schnelligkeit ist ja sinnvoll und nützlich, problematisch ist, dass wir öfters zu schnell sind, zu schnell leben, fahren, sprechen, arbeiten, lieben. Dieses zu Schnelle gilt es abzubauen und zu vermeiden. Deshalb mein Appell: ;,Enthetzt Euch!“ Einhalt zu gebieten wäre einem Tempo, das über die Grenzen und Maße der Belastungs- und Leistungsfähigkeit hinausgeht.“

(Der Zeitforscher Prof. Karlheinz Geißler in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung / SZ Nr. 208 vom 08. September 2012, S. 29)

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„Ganz still war es am Vormittag des 24. Dezember auf dem Postamt. Deshalb hatte man sich ja dorthin begeben. Weil völlig klar gewesen war, dass Ruhe herrschen und man sein Paket ohne große Aufregung und ohne jegliche Mühe loswerden würde. Ein Paket, das nichts mit Weihnachten zu tun hatte und jetzt wohl irgendwann seinen Empfänger erreichen wird, eine Petitesse in Packpapier. Was soll man noch sagen? Es war nur eine Erledigung, es steckte keine tiefere Absicht dahinter, aber trotzdem machte einem das Nicht-Geschenk ein beinahe feierliches Gefühl. Stand man nicht außerhalb der schlagenden Zeit und außerhalb der jagenden Menschenmassen? Das hielt noch ein wenig an. Völlig banal waren zu Hause die üblichen elegischen Zeitungsartikel übers Entschleunigen und Innehalten, die immer um Weihnachten erscheinen […]“

(Streiflicht, Südd. Zeitung vom 27. Dezember 2011)

#121 / Letzte Aktualisierung am 16. Nov 2016 (10. Jan 2014)