Die Labyrinthiade

[Work in Progress]
Theseus – Ariadne – Minotauros – Minos – Daidalos – Ikaros – eine Fülle von Figuren bevölkern die Geschichte(n) um das kretische Labyrinth. Genau genommen sind es fünf Kreise von Figuren, die ich in ihrer Gesamtheit als LABYRINTHIADE bezeichne – angelehnt an Begriffe wie Jeremiade.

1. Den Ersten (Innersten) Kreis bildet die klassische HELDENREISE* des athenischen Prinzen Theseus, der im Labyrinth mit dem Minotauros kämpft, wobei ihn die Prinzessin Ariadne unterstützt.
* Es ist in diesem Zusammenhang interessant, dass Joseph Campbell seine Studie über den Mono-Mythos der Heldenreise mit der Geschichte vom Kampf des Theseus mit dem Minotauros im Labyrinth beginnt!

2. Im Zweiten Kreis finden wir Daidalos, den Erbauer und bald auch Gefangenen des Labyrinths, der mit seinem Sohn Ikaros (den er mit der Sklavin Naukrate zeugte) mit Hilfe künstlicher Flügel aus dem Labyrinth flieht. Je nach Variante stürzt Ikaros ab und ertrinkt – oder wird gerettet. (Die erste, tragische Variante ist eindeutig die beliebtere.)
In diesen Zweiten Kreis gehören aber auch König Minos, als Auftraggeber für den Bau des Labyrinths, und seine Gattin Pasiphaë sowie Minotauros, der gefräßige Bankert, für den das Labyrinth als Aufenthaltsort bzw. Gefängnis durch Daidalos erbaut wird.
Auch in die Zeugung des Minotauros ist Daidalos direkt verwickelt: Weil Minos den schönsten Stier, den er aus seiner Herde dem Poseidon opfern wollte, lieber doch für sich behielt, schlägt der erzürnte Meeresgott die Gattin Pasiphaë mit Wahnsinn. In diesem Wahn verliebt sie sich in diesen Stier. Daidalos muß ihr eine künstliche Kuh bauen, in der sie der Stier begattet. Resultat: der Minotauros (= Stier des Minos). Der König sperrt deshalb beide in das Labyrinth: das stierhäuptige Ungeheuer und dessen Geburtshelfer Daidalos.

3. Den Dritten Kreis bevölkern Figuren, die in der kretischen Phase der Labyrinth-Erzählung direkt nicht auftauchen, aber wichtig für den Fortgang der ganzen Geschichte sind:
Theseus´ Vater Aigeus (auch Ägäos – nach ihm ist das Ägäische Meer benannt), König von Athen, der sich vor Gram in den Tod stürzt, als der heimkehrende Sohn das Segel mit der falschen Farbe setzt (statt rot für Leben schwarz für Tod – was dem Sohn praktischerweise den Thron freimacht). Dann Medea, die Stiefmutter des Theseus, die ihm mit Gift nach dem Leben trachtet; sowie Phädra, Schwester der Ariadne, die Theseus später heiratet.

4. In einem noch weiter vom Kern entfernten Vierten Kreis finden wir schließlich Figuren, die nur noch sehr indirekt mit dem eigentlichen Geschehen verbunden sind: Zeus und Europa, Odysseus, Ödipus und seine Tochter Antigone, Jason (von den Argonauten), Hippolytos (Sohn des Theseus mit der Amazonenkönigin Hippolyte – in den sich tragischerweise Theseus´ zweite Frau Phädra verliebt)e. Dazu die Götter Helios (Vater von Pasiphaë), Dionysos (dem Ariadne als Priesterin versprochen war), Poseidon (angeblich der wahre Vater des Theseus). Und noch einige andere mehr.

5. Schließlich gibt es weit draußen an der Peripherie noch einige Gestalten, die man einem Fünften Kreis zuordnen könnte. Das sind Menschen unserer Tage – oder auch Objekte – die Namen aus der Labyrinth-Geschichte tragen.
Allen voran ist da Ariane, die französische Variante von Ariadne – sowohl als Frauenname absolut modern (s. den Film Good Bye, Lenin) wie auch als Name der wichtigsten Rakete der Europäischen Raumfahrt-Agentur (ESA). Aber auch Ikarus und Dedalos sind als Raumschiffe im Angebot, Theseus ist der Name eines Verlages, Minotaurus Titel eines Films und das Labyrinth selbst geistert unaufhörlich durch die Medien, auch als Buchtitel (z.B. Das verlorene Labyrinth von Kate Moss) und als Filmtitel (Pans Labyrinth – räumte 2007 sieben Oscars ab).
Nimmt man die gängige Bezeichnung von den Irrfahrten des Odysseus mit dazu – könnte man, im übertragenen Sine, das ganze Mittelmeer mit seiner verwirrenden Inselwelt also eine Art Labyrinth im übertragenen Sinn verstehen, durch das Odysseus sich auf seinen Irrfahrten bewegt, sobald er nach der Beendigung des Trojanischen Kriegs die Heimfahrt beginnt.

Vielschichtiger Hintergrund des Labyrinth-Symbols
Dann ist da noch das rätselhafte Labyrinth-Symbol – gewissermassen eine Geschichte (oder sogar zwei) für sich. Denn es tritt zwar immer wieder im Zusammenhang mit den sich ums Labyrinth rankenden Erzählungen auf – aber das bedeutet keineswegs, dass beides – Symbol und Erzähklungen – immer schon zusammengehört haben.
Die Angelegenheit wird noch komplizierter, weil man – und zwar offenbar schon seit Platons Zeiten (also um 300 vChr) – mit „Labyrinth“ eigentlich einen Irrgarten meinte und gerade nicht die klare Struktur mit einem einzigen Gang, wie sie beispielsweise im Birkenlabyrinth von Bürchen vorliegt.

1. Das gezeichnete Labyrinth-Symbol
Wie ist das Labyrinth-Symbol entstanden? Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten:
1. Jemand hat dieses Zeichen bewusst konstruiert. Aber wer? Vielleicht ein genialer antiker Mathematiker wie Pythagoras? Das ist gar nicht so weit hergeholt, denn in diesem Symbol kann man so etwas wie den Versuch sehen, Kreis und Quadrat zusammenzubringen: Wie man auf S. 9 sehen kann, wird das (kretische) Labyrinth aus sehr einfachen Grundzeichen konstruiert:
° einem Kreuz,
° vier Rechtecken in den vier Ecken dieses Kreuzes
° und vier Punkten, die wiederum in diese Rechtecke gesetzt werden,
° wonach man, abwechselnd von rechts nach links und von links nach rechts die sieben Bögen herstellt.

2. Es könnte aber auch sein, dass ein ursprünglich viel einfacherer Tanzablauf, wie man ihn von vielen Frühlings-Tänzen der Kultur der jungsteinzeitlichen „Ackerbauern und Viehzüchter“ (ab dem 10. vorchristlichen Jahrhundert) kennt, sich allmählich zu einer immer komplizierteren Choreographie entwickelte, die man schliesslich auf dem Boden eines Tanzplatzes aufzeichnete (vielleicht als Mosaik?)
Tanzplätze dieser Art waren wahrscheinlich die (mindestens) 5000 Jahre alten „Troja-Burgen“. Solche Labyrinth- Fruchtbarkeits –Tänze der Jünglinge und jungen Mädchen beim Übergang ins Erwachsnenleben werden in Griechenland heuter noch aufgeführt.
Aus so einer Choreographie-Zeichnung könnte jemand dann – in verkleinerter Form – jenes Symbol entwickelt haben, das man auf dem ältesten bis heute bekannten archäologischen Fundstück dieser Art entdeckt hat: dem mykenischen Steintäfelchen aus dem Palast von Knossos auf Kreta (etwa 1300 v. Chr.).

Die siebenfache Labyrinth-Erzählung
Die Labyrinthiade ist, wenn man so will, ein abenteuerlicher Kriminal-Roman. Er beginnt mit einer Entführung, steigert sich zu einem heimtückischen Mord, endet mit einem ebensolchen – und erreicht seinen Höhepunkt mit einem tödlichen Zweikampf. Hier die einzelnen Erzählstränge:

a. Die Entführung
Göttervater Zeus verliebt sich in Prinzessin Europa, Tochter des orientalischen Herrschers Phönix, und entführt sie in Gestalt eines Stiers auf seinem Rücken auf die Insel Kreta. Dort zeugt er mit ihr drei Söhne: Minos, Sarpedon und Rhadamanthis. Minos tötet seine Bruder-Rivalen, wird zum Herrscher Kretas und zum Begründer der abendländischen Kultur. Er schafft die ersten Gesetze dieser frühesten Hochkultur auf europäischen Boden.

b. Die Heldenreise
Prinz Theseus kämpft im Labyrinth mit dem Minotauros, um das Leben athenischen Geiseln zu retten, die dem Ungeheuer als Tribut geopfert werden sollen. Dabei hilft ihm Prinzessin Ariadne mit einem Schwert und dem zum geflügelten Wort gewordenen Roten Faden

c. Das Erfindergenie mit mörderischen Exzessen
Eine dritte Geschichte handelt vom griechischen Erfindergenie Daidalos. Zunächst muß er seine Heimatstadt Athen verlassen, weil er – aus Eifersucht – seinen begabten Lehrling and Neffen Perdix ermordete und auf diese Weise an den kretischen Königshof gerät. Dort wird er Erbauer und bald auch Gefangener des Labyrinths. Es gelingt ihm, mit seinem Sohn Ikaros (den er mit der Sklavin Naukrate zeugte) mit Hilfe künstlicher Flügel aus dem Labyrinth zu fliehen und sich nach Sizilien zu retten. Dorthin verfolgt ihn der zornige Minos – um von Daidalos heimtückisch ermordet zu werden.

d. Die Vorgeschichte der Heldenreise
Theseus wiederum hat eine – sehr lange – Vorgeschichte, in der er viele Ungeheuer tötet und sich auf seine spätere Zeit als König von Athen vorbereitet.

e. Die Nachgeschichte der Heldenreise
Die lange, weise Herrschaft des Theseus über Athen, wegen der man ihn noch heute als größten König dieser Stadt und Kultur preist, endet jedoch schmählich in Verrat: die Athener verbannen den König aus der Stadt. In Kolonnos, wohin er sich zurückzieht, gewährt Theseus dem unstet durch die Mittelmeerwelt irrennden blinden Ödipus und seiner Tochter Anigone Asyl und ist schließlich der einzige, der weiß, wo sich das Grab des unglücklichen thebanischen Königs befindet.

f. Medeas Rachsucht und Mordlust
Dann wäre da noch die Geschichte von Theseus´ Stiefmutter Medea und – indirekt – auch das abenteuerliche Leben von deren echtem Sohn Jason (der mit seinen Argonauten das Goldene Vlies von Kolchis erobert).

g. Phädras Tragodie
Außerdem ist da noch die völlig eigenständige Geschichte von Theseus´ zweiter Frau Phädra (wenn man Ariadne sinnvollerweise als seine erste „Frau“ betrachtet, obwohl die beiden keine Ehe im üblichen Sinn führten, obwohl daraus ein Kind entstand).

h. Ariadnes Triumph
Last but not least ist da Ariadnes, des Theseus Geliebter Geschichte, die in einem Heiligtum des Dionysos auf der Insel Kos und in ihrem Triumph als Sternbild endet und damit eigentlich das Schicksal des Theseus noch weit überragt.

1. Genau genommen sind es vier Kreise von Figuren


Betrachtete man die Fülle der Sagengestalten der Labyrinthiade, so kann man deutlich vier verschiedene Gruppen von Figuren unterscheiden:

1. Den Ersten (Innersten) Kreis bildet die klassische HELDENREISE des athenischen Prinzen Theseus, der im Labyrinth mit dem Minotauros kämpft, wobei ihn die Prinzessin Ariadne unterstützt.

2. Im Zweiten Kreis finden wir Daidalos, den Erbauer und bald auch Gefangenen des Labyrinths, der mit seinem Sohn Ikaros (den er mit der Sklavin Naukrate zeugte) mit Hilfe künstlicher Flügel aus dem Labyrinth flieht. Je nach Variante stürzt Ikaors ab und ertrinkt – oder wird gerettet. (Die erste, tragische
Variante ist eindeutig die beliebtere.)
In diesen Zweiten Kreis gehören aber auch König Minos, als Auftraggeber für den Bau des Labyrinths, und seine Gattin Pasiphaë sowie Minotauros, der Bankert, für den das Labyrinth als Aufenthaltsort bzw. Gefängis von Daidalos erbaut wird.

3. Den Dritten Kreis bevölkern Figuren, in in der kretischen Phase der Labyrinht-Erzählung direkt nicht auftauchen, aber wichtig für den Fortgang der ganzen Geschichte sind:
Theseus´ Vater Aigäos, König von Athen, der sich vor Gram in den Tod stürzt, als der heimkehrende Sohn das Segel mit der falschen Farbe setzt (schwarz für Tod – was dem Sohn praktischerweise den Thron freimacht). Dann Medea, die Stiefmutter des Theseus, die ihm mit Gift nach dem Leben trachtet, sowie Phädra, Schwester der Ariadne, die Theseus später heiratet.

4. In einem noch weiter vom Kern entfernten Vierten Kreis finden wir schließlich Figuren, die nur noch sehr indirekt mit dem eigentlichen Geschehen verbunden sind: Zeus und Europa, Odysseus, Ödipus, Antigone, Jason (von den Argonauten), Helios, Dionysos (dem Ariadne als Priesterin versprochen war) sowie noch einige andere mehr.
Und über Theseus gibt es sogar eine – wenn auch rein gedankliche – Brücke zu Platons Mythos von Atlantis. Die britische Fernseh-Serie Atlantis bedient sich ungeniert bei der Labyrinth-Geschichte, denn viele von deren Elementen tauchen in dieser abenteuerlichen Geschichte auf – die dieses Atlantis problemlos als Kopie von Kreta entlarven.

Quellen und Literaturhinweise
Campbell, Joseph: Campbell, Joseph.: Der Heros in tausend Gestalten. (The Hero with a Thousand Faces _ USA 1949) Frankfurt am Main 1978 (Suhrkamp).
Kern, Hermann: Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen – 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. München 1982 (Prestel)
Mosse, Kate: Das verlorene Labyrinth (Labyrinth). (Great Britain 2005). München 2005 (Droemer)
Toro, Guillermo del (Regie): Pans Labyrinth (Il labirinto del Fauno). Mexiko USA 2006.
Travis, Peter (Regie): Atlantis: Staffel 1 der BBC-Serie (BBC).

Begonnen und veröffentlicht: 30. Mai 2017/19:32