Griffnähe beim Romanschreiben

In der Beratung und Therapie von Drogenabhängigen ist ein zentrales Element die Vergrößerung der Griffnähe zum „Objekt der Begierde“. Wie das Wort schon sagt: Es muss zunehmend verhindert werden, dass die Schnapsflasche, das Päckchen mit dem Haschisch oder das Besteck zum Heroinspritzen leicht erreichbar ist. Wenn die Schnapsflasche auf dem Tisch des Alkoholikers steht – hat er keine Chance, sich das Saufen abzugewöhnen. Auch beim besten Willen zur Entwöhnung vom Suchtmittel: sobald man es sehen und somit leicht „greifen“ kann, geht die Chance für Heilung von der Sucht verständlicherweise gegen Null.
Beim Schreiben, noch dazu eines umfangreicheren Projekts wie eines Romans, gilt genau das Gegenteil: Die Griffnähe muss möglichst groß sein.
° Wenn die Einfälle als Notizen lieblos und unsortiert wie die Belege fürs Finanzamt in einem Schuhkarton irgendwo im Schrank verstaut sind,
° wenn die einzelnen Kapitel in einem Leitz-Ordner oben auf dem Bücherschrank und kaum sichtbar aufgehoben werden –
° dann sind die Chancen äußerst gering, dass die Lust geweckt wird, daran weiterzuarbeiten.

Wie kann man diese „Griffnähe zum Schreib-Projekt“ möglichst hoch gestalten, das Projekt also sinnlich erfahrbar machen? Hilfreich ist folgendes:
° Etwas besser als der Stapel Hardcopies (= Ausdrucke des digitalisierten Manuskripts) oben auf dem Schrank ist schon mal ein gut aufgeräumter Ordner im Computer, mit dem man arbeitet. Dessen Unter-Ordner sollten leicht erkennen lassen, welche Dateien sich darin befinden – das heißt, die Dateien sollten vorne die (geplant und leicht änderbare) Nummer des jeweiligen Kapitels tragen und hinter dem eigentlichen Titel das Datum der Bearbeitung (= Kopie).
Beispiel: „07_Der Kampf um die Macht_2016-09-26.doc“
° Ganz wichtig ist ein Satz Karteikarten, auf dem zum Beispiel die einzelnen Kapitel des Romans in konzentrierter Form (Synopse, Inhaltsangabe) festgehalten sind und den man immer bei sich haben sollte. Nicht nur, um darauf zu korrigieren, zu ergänzen und eventuell die Reihenfolge umzuschichten, sondern auch um diese „Essenz“ wie einen Glücksbringer zu erfahren – als Amulett oder Talisman (bei der Heldenreise bezeichnet man dies als Magisches Werkzeug).
° Ein ähnlicher Glücksbringer ist ein Symbolisches Objekt, welches das Schreib-Projekt präsentiert und immer auf meinem Schreibtisch steht – zum Beispiel ein hübsches Paperweight aus Glas.
° Dazu ein Foto der Hauptfigur (Schauspieler aus Filmen bieten sich da an, die meinem Protagonisten ähnlich sind, wie ich ihn mir vorstelle) oder ein wichtiger Schauplatz.
° Die Griffnähe wird auch erhöht, wenn ich das ganze Material (Personen, Schauplätze, Zeitkolorit, Exposee etc.) in Hängemappen in einem Container sammle, zu dem ich leichten Zugang habe.
° Gut sichtbar sollte auch ein großes Blatt mit einem Cluster zu den Hauptthemen und –elementen des Projekts sein, möglichst an der Wand hinter meinem Arbeitstisch, so dass ich mich dort immer orientieren und anregen lassen kann.
° Eine ähnliche Funktion hat auch eine Landkarte mit den Schauplätzen oder eine selbstgefertigte Kartenskizze (sehr wichtig bei erfundenen Welten wie in der Fantasy).
° Hilfreich ist weiterhin ein Stempel mit dem (Arbeits-)Titel meines Projekts. Damit stemple ich das ganze Material, das im Lauf der Zeit entsteht – das ist schon in Abgrenzung zu anderen Projekten sehr hilfreich. Dieses Stempeln ist aber zudem ein sehr sinnlicher Akt er Vergewisserung und Aneignung (auch gut für relevante Zeitungsauschnitte).
° Wer einen Kindle oder einen anderen eBook-Reader hat, kann sich den aktuellen Zustand des Manuskripts im pdf-Format leicht auf das Gerät laden und ihn wie ein „richtiges“ (= schon fertiges) Buch stets bei sich haben. Das stärkt enorm das Selbstwertgefühl ,das man für so eine langwierige Arbeit benötigt. Es regt vor allem an, immer wieder ins Projekt reinzuschauen, Korrekturen und Ergänzungen anzubringen, die man dann am PC ins richtige (digitale) Manuskript überträgt. (Ein leicht transportierbares Notebook tut es eventuell auch – aber der eBook-Reader ist eben buchähnlicher!)
Publiziert: 24. Januar 2017