Seelenlose Schreib-Maschinen?
2026/07/06
Das Thema „Künstliche Intelligenz (KI) – allgemeiner: „Kybernetik“, mit Unterthemen wie „Androiden“, „Cyberspace“ und „Roboter“ und noch spezieller „Bewusstsein der Maschinen“ – hat mich schon als 13jährigen Jugendlichen fasziniert. Damals, 1953, hatte ich Isaac Asimovs Geschichten in Ich der Robot und Jack Williamsons exzellenten SF-Roman Wing 4 (The Humanoids) gelesen habe – beide in den USA bereits Ende der 1940er Jahre veröffentlicht und damals fernste Utopie, Science Fiction eben. Und in ihrer Thematik aktuell im Sommer 2026 genau das, was wir seit November 2022 immer heftiger real erleben.
1959 schrieb ich, gleich nach dem Abitur den SF-Roman Sternvogel, der die Heldenreise eines jungen Mannes zum Thema hat – der am Schluss feststellen muss, dass sein ganzes Abenteuer das Ergebnis einer ferngesteuerten Intrige eine „Rechengehirns“ war. Vier Jahre später, 1963, veröffentlichte ich eine Novelle mit dem Titel „Der metallene Traum“, der München im Jahr 2073 beschreibt, worin die Stadt von einem ähnlich leistungsstarken Computersystem gesteuert wird, das ich als „Kyberneten“ bezeichnete. Das zentrale Kapitel inszeniert den direkten Kontakt der menschlichen Hauptfigur mit eben diesem Kyberneten – heute nennt man das Cyberspace und Neurolink.

Bild 1: Der Höhlenmaler bekommt Besuch (03. Juli 2026 – Jürgen vom Scheidt mit Chat GPT)
Nach dem Abitur wollte ich so etwas wie „Robotpsychologie“ studieren – angeregt von Asimovs Figur „Dr. Susan Calvin; aber 1959 gab es so etwas noch nicht. jedenfalls nicht in Deutschland. Also ließ ich das „Robot“ weg und studierte nur „Psychologie“. Es dauerte sechs Jahrzehnte, bis etwas in dieser Richtung konkrete Gestalt annahm. Im Herbst 2020 sah ich zufällig (!) im TV das Interview mit einer Frau, die in Linz lehrt und als deren Beruf wörtlich „Robotpsychologin“ angegeben wurde. Ich hab das gegoogelt und fand tatsächlich: „Martina Mara (* 1981 in Linz oder St. Martin, Traun) ist eine österreichische Medienpsychologin. Seit April 2018 ist sie Professorin für Roboterpsychologie am Linz Institute of Technology (LIT) der Johannes Kepler Universität Linz“.
Na bitte. Man muss also nur lange genug warten. –
Der folgende Text ist vor obigem Hintergrund meine Reaktion auf teils geradezu empörte Leserbriefe in der Süddeutschen Zeitung Nr. 115 vom 21. Mai 2026 („Wer hat dieses Buch geschrieben“) und vom 30. Juni 2026 ( „Seelenlose Schreibmaschinen“) – für mich nichts weiter als inkompetentes Geschwätz von Leuten, die offenkundig keine persönlichen Erfahrungen mit einer KI wie Claude haben.
Vorab: Ein Perspektivenwechsel erscheint mir notwendig: Die angemahnte „Seele“ sollte sich besser im Leser und der Leserin befinden – ob der Autor oder die Autorin ein Mensch oder eine Maschine ist, wird man demnächst ohnehin nicht mehr bemerken. Das Motto sollte viel mehr sein: „It’s all in the mind“, oder frei übertragen „Wenn ihr´s nicht fühlt – ihr werdet´s nicht erjagen“.
Wie der Text selbst entsteht, ist meines Erachtens zweitrangig und heute schon kaum mehr identifizierbar.
Noch viel interessanter als das, was eine KI wie Claude als „Schreib-Werkzeug“ zu leisten vermag, ist meines Erachtens, welchen Zusatznutzen sie für schreibende Menschen hat: als unglaublich gebildetes Gegenüber, unermüdlich und wohlwollend-kritisch, je nachdem, was man der KI für Vorgaben macht. Ab da kann man ein geistiges Abenteuer erleben, wie man es sich nicht vorstellen kann, so lange man es nicht selbst ausprobiert hat. Es empfiehlt sich für solche eigene Experimente statt dem vergleichsweisen „schwachen“ ChatGPT (als Microsofts Copilot nochmal wesentlich leistungsschwächer – aber eben leider die Version, welche die meisten Menschen als „KI“ kennenlernen). Um kompetent mitreden zu können, sollte man unbedingt die leistungsstarke (und mit etwa 20 €uro im Monat nahezu kostenlose) Variante „Cowork“ von Anthropics „Claude“ einsetzen. Alles, was man dazu wissen muss, bringt die KI einem mit kleinen Tutorials Schritt für Schritt (Chat für Chat) selbst bei. Danach wird man nie wieder „ohne“ schreiben wollen.
Das gemeinsame Logbuch (man könnte es auch ein Tagebuch nennen), dass ich während der Arbeit an einem Buchmanuskript über inzwischen mehr als 50 Chats hinweg und während weit mehr als 100 Stunden gemeinsamer Arbeit mit Claude auf mehr als 600 Manuskript-Seiten dokumentieren kann, ist nur der psychologisch hochinteressante Nebeneffekt. Noch weit interessanter sind ja die eigentlichen Texte, die dabei entstehen und welche Arten von Hilfe so ein Werkzeug wie Claude dabei sein kann. Das alles in Abrede zu stellen, entspricht heutzutage ziemlich genau dem, was geschah, als die ersten begeisterten Äußerungen von Journalisten in den Medien erschienen, die Anfang der 1980er Jahre entdeckten, dass ein Computer eine unglaublich komfortable Schreibmaschine sein kann.
Kugelschreiber – Schreibmaschine – Buchdruck
Was hat man damals nicht alles an Argumenten ins Feld geführt, die „eins zu eins“ auf das übertragbar sind, was heute gegenüber KI als Werkzeug angeführt wird. (Ich weiß, wovon ich rede, denn ich war auch zuerst unglaublich skeptisch, bis ich es 1983 zum ersten Mal selbst ausprobiert habe und dann nie wieder anders schrieb, als mit einem Computer, selbstverständlich zusätzlich zu handschriftlichen Vor-Notizen).
Es soll ja heute noch Autoren geben, die stolz darauf sind, dass sie ihre Manuskripte auf einer uralten Remington aus den 1930er Jahren hämmern oder gar „nur mit der Hand schreiben“. Nicht gegen Handschriftliches – ich notiere mir vieles auf diese Weise. Aber es sei darauf hingewiesen, dass nochmal Jahrzehnte zuvor, so um 1880, genau dieselbe Diskussion geführt wurde, ob man denn mit einer solchen seelenlosen Schreibmaschine (einer Remington oder wie die Geräte hießen) seelenvolle Texte schreiben könne, gar gute Literatur! Das lässt sich doch nur von Hand erledigen mit entsprechend schöner Schrift!! Am besten kalligraphisch zelebriert!!!
Zitat gefällig (entdeckt von Claude)?
Mark Twain war einer der ersten Autoren, der eine Schreibmaschine literarisch nutzte, wurde ihr gegenüber aber schnell feindselig: Er nannte sie voller „caprices“ und „defects“ und behauptete später, sie habe angefangen, „seinen Charakter zu verderben“ („degrading my character“) — weshalb er sie an William Dean Howells weitergab.
T. S. Eliot bemerkte selbstkritisch über seine eigene Maschinenschreiberei: „Composing on the typewriter, I find that I am sloughing off all my long sentences“ und „The typewriter makes for lucidity, but I am not sure that it encourages subtlety.“ — genau die Sorge, die man heute gegenüber KI-Tools hört: glattere, aber ärmere Prosa.
Henry James diktierte seine späten Romane direkt einer Remington-Schreibkraft. Kritiker führten den auffällig verschachtelten, „diffusen“ Spätstil oft auf das Diktieren/die Maschine zurück — ein Streitpunkt bis heute, ob die Technik seinen Stil bereichert oder verwässert hat.
Grundtenor der akademischen Literatur zur Jahrhundertwende: Für den zunehmend romantisierten Autor-Begriff galt das maschinelle Tippen als rein mechanischer Akt, klar getrennt vom eigentlichen „Schöpfungsakt“ des Schreibens von Hand — fast wortgleich zur heutigen Abgrenzung „echtes“ vs. KI-unterstütztes Schreiben.
Anfang der 1940er Jahre diskutierte man, ob ein Kugelschreiber ein brauchbare Ersatz für ein Füllfederhalter ist. Ich habe selbst erlebt, dass sie uns Schülern in der Oberrealschule Selb verboten wurden. Noch etwas früher ging es – siehe oben – darum, ob man eine Schreibmaschine auch zum Schreiben von Büchern und der gleichen einsetzen dürfe – oder nicht doch besser weiterhin Gänsekiel und Eisengallustinte! Und war denn nicht – noch mal früher – das Einkerben von Keilschrift in Tontafeln die einzig wahre Möglichkeit, Gedanken schriftlich zu fixieren – oder noch urtümlicher: In Felswände einmeißeln wie die Gesetze des Hammurabi?
Was wurde nicht vier Jahrhunderte früher, so um 1450, gegen den Buchdruck argumentiert, der doch (könnte man entsprechend sagen) seelenlos sei im Vergleich zu dem, was ein fleißiger Mönch von Hand abschreibt und kopiert!
„Die Schrift hat dies Schlimme an sich…“
Und hat nicht Platon noch extremer argumentiert, als er vor 2000 Jahren sinngemäß sagte: Das Aufschreiben der Gedanken sei ein Verrat am Denken – nur das was im lebendigen Gespräch zu Gehör gebracht werde, sei eines Philosophen würdig, zum Beispiel während eines Symposiums (für so etwas war Platon berühmt).
(Den genauen Wortlaut des von mir gemeinten Zitats hat mir Claude binnen drei Sekunden samt Quellenangabe zum Nachprüfen mitgeteilt: „Die Schrift hat dies Schlimme an sich … gerade wie die Malerei … fragst du sie aber um Belehrung über das Gesagte, so antwortet sie immer nur ein und dasselbe“).
Aber gehen wir doch mal wirklich weit zurück: 50.000 Jahre. Damals begannen Künstler das Innere von Höhlen zu bemalen. Eines Abends grummelte der besorgte Schamane des Stammes: „In meiner Jugend hat es sowas nicht gegeben – dass jemand an die Wand einer Höhle mit seinen Bildern verschandelt. Das ist seelenlos und alles, was wirklich zählt, ist das, was man sich am nächtlichen Lagerfeuer persönlich mitteilt. Hugh – ich habe gesprochen.“
Ich werde jedenfalls meinen Verleger darum bitten, meine nächsten Bücher mit einem deutlichen Hinweis zu versehen: „Garantiert mit Hilfe von KI geschrieben, wo immer das sinnvoll und möglich ist.“
(Eingeblendeter Werbe-Hinweis: Im ersten dieser geplanten Bücher finden Sie meine eingangs erwähnten SF-Stories „Der metallene Traum“.)

Bild 2: Der Höhlenmaler bekommt noch einmal Besuch (03. Juli 2026 – Jonas Zenhäusern mit Chat GPT)
Gedanklichen Schrott…
… haben Autoren und Journalisten ja schon vor Jahrhunderten unter die Menschen gebracht. Dass KI dies heutzutage sehr erleichtert, ist bedauerlich. Aber KI nicht einzusetzen als Autor – das geht ohnehin nicht, denn man benützt ja längst:
° das Smartphone zum Diktieren,
° dasselbe Gerät, um einen photographierten Zeitungsausschnitt via integrierter OCR-Software gleich in einen digitalisierten und somit leicht weiter zu verarbeitenden Text umzuwandeln,
° die Autokorrektur zum Korrigieren,
° Google zum Recherchieren (da steckt überall mächtig viel KI drin).
Warum also nicht eine mächtige KI wie Claude als Proto-Lektor und freundlichen Sparring-Partner einsetzen, bevor man sein Werk einem menschlichen Lektor übergibt, der sich zumindest die mühsame Arbeit des Einsetzens fehlender Kommas, grammatischer Fehlkonstruktionen und fehlerhaften Recherchen des Autors oder der Dichterin erspart und sich auf die wesentlichen Aufgaben eines Lektors besinnen kann! Mal ganz abgesehen davon, dass alle Verlagsmitarbeiter bestens beraten wären, KI wo immer möglich einzusetzen, damit das Werk des Autors auch gut verkauft wird! –
Es ist möglich, dass sich tatsächlich die befürchtete „Singularität“ manifestiert und die ganze Menschheit dann – hopp und ex! – ihre selbstbestimmte Existenz verliert – wie in den Filmen Terminator und Matrix. Pech gehabt. Aber muss das so kommen?
Oder wird das andere Szenario einer „benvolenten Singularität“ Wirklichkeit, die auf eine – wie auch immer geartete – Ko-Existenz von Mensch und KI hinausläuft – wie in dem SF-Roman The Humanoids“ (deutsch 1952: Wing 4) von Jack Williamson – oder, nicht ganz so menschenfreundlich, in dem Film Colossus von 1970 – worin die KI aber immerhin alle Kriege abschafft.
Ich danke dir, Claude,
dass du mir geholfen hast, das mit Platon zu recherchieren und meine Gedankenfülle leserfreundlich in diesen Text zu gießen!

Bild 3: Der Höhlenmaler bekommt zum dritten Mal Besuch (03. Juli 2026 – Jonas Zenhäusern mit Chat GPT)
Quelle
Post Nr. 333 _ aut #4301 _ 2026-07-06/ 60:40